3. Weigerung

Wenn wir mit Veränderungen konfrontiert sind, fahren wir die Stacheln aus. Der Hang zur Weigerung ist angeboren. Die Evolution hat uns gelehrt, Risiken zu vermeiden, um Energie zu sparen. Deshalb fällt es uns so schwer, eingeübte Verhaltensweisen, Einstellungen und Denkmuster (sprich: Identitäten) aufzugeben. Der Gedanke, dass das ganze Leben aus Veränderung besteht, ist nicht seht beliebt, weil wir so gern am Althergebrachten festhalten möchten – nicht weil wir unbedingt davon überzeugt wären, sondern weil es so viel einfacher ist.

Im Zweifel siegt die Trägheit. Denn jeder Entwicklungsschritt in eine neue, unbekannte Richtung ist Stress für unser Gehirn. Es ist darauf getrimmt, Rechnerkapazitäten zu sparen. Deshalb speichert es so gerne Muster ab – es kostet einfach weniger Energie.

Heldenreise: ein universell abrufbarer Code

Womit wir wieder bei unserem Kernthema „Storytelling“ wären. Denn auch die Heldenreise als Urform jeder Geschichte ist ja ein Muster. Ein universell gültiger Code, den das Gehirn ohne großen Aufwand speichern und abrufen kann. Und nicht nur das: Geschichten sprechen das Unterbewusstsein an und lösen Emotionen aus, die uns im wahrsten Sinne des Wortes bewegen – etwas zu fühlen (Film, Musik, Roman), etwas zu denken (Roman, PR, Politik), etwas zu tun (Marketing, Beratung, Coaching).

Storytelling ist Veränderungsmanagement

Aber es ist ein psychologisch hoher Aufwand, solche Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Wenn ein gestandener Zeitungsjournalist, der sich altersbedingt eher zu den „digital visitors“ gehört, plötzlich dazu verdammt ist, sich als Online-Redakteur neu zu erfinden, muss er den Schritt vom Content-Produzenten zum Content-Verkäufer gehen. Wenn er sich redlich bemüht, hat er alle Chancen, das Stadium des „digital residents“ zu erreichen, zu dem laut diesem Handbuch „PR im Social Web“ immerhin schon 42% aller über-50-Jährigen gehören. Dann hat er es geschafft, aus der gewöhnlichen Print-Welt in die zukunftsträchtige Online-Welt überzuwechseln. Kein unerheblicher Aufwand. Aber wer zum Helden seines eigenen Lebens werden will, kommt um derartige Investitionen kaum herum.

Die Heldenreise: nicht linear, sondern zyklisch

Die Heldenreise ist nicht als linear-kausale Abfolge durchgetakteter Ereignisse zu begreifen, sondern eher als Handlungsmuster mit zyklischem Charakter. Der Plot selbst ist unterteilt in eine Reihe von Mini-Plots, die alle dort entstehen, wo es zu einer Kluft zwischen Erwartung und Ergebnis kommt – sprich zu Konflikt. Ist die erste Veränderung vollzogen, tut sich oft eine neue Kluft auf zwischen den Wünschen, die der Held befriedigen will, und den realen Ergebnissen seiner Bemühungen, die er nicht hinnehmen kann oder will.

Und so geht es weiter und weiter – bis es zu einer Transformation kommt, die es ihm ermöglicht, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Der Held hat dann begriffen, dass er sich ändern muss, um die Welt zu verändern.

Storytelling ist nicht Minigolf

So, wie sich die Plotstruktur der Heldenreise wiederholen kann, können sich auch die einzelnen Stationen der Heldenreise verschieben oder wiederholen. Der Held kann sich – abhängig von seiner Veranlagung – mehrfach weigern. Wie er auch zu Beginn mehrfach den Rufe zum Abenteuer vernehmen kann oder später mehrfach auf Mentoren treffen kann. Die Heldenreise ist keine sondern ein idealtypisches Muster, das sich niemals 1:1 in Fiktion übertragen lässt (und wenn, wirkt es konstruiert).

Storytelling ist nicht Minigolf: Die Heldenreise ist kein Parcours, den wir Station für Station abzuarbeiten haben. Sie ist ein Prinzip, ein Muster, eine Metastruktur.

Angst vor dem Unbekannten

Die psychologische Funktion dieser Station besteh darin, den Helden als das einzuführen, was wir alle sind: angsterfüllte Wesen, die ungern die vetrauten Gefilde des Bekannten aufgeben, um sich den Gefahren einer unbekannten Anderwelt auszusetzen. Diese sehr menschliche Schwäche macht ihn uns als Lesern sympathisch. Wir identifizieren uns mit ihm. Und dieses unsichtbare Band der Identifikation ist es, das uns letztlich mit dem Autor verbindet. Wenn wir Empathie mit seinem Helden empfinden, hat der Autor uns an der Angel. Wenn er gut ist und uns bei der Stange (resp. Angel) hält, zappeln wir lustvoll daran, bis das erlösende Wort „Ende“ fällt.

Widerstrebende Helden sorgen für Spannung

Die dramaturgische Funktion der Weigerung besteht also darin, Spannung zu erzeugen. Die Welt ist vom Untergang bedroht – durch einen Asteroiden, Aliens, ein Riesen-Beben, eine Eiszeit – und die Regierung versucht verzweifelt, einen hochdekorierten, aber lange ausgemusterten und psychisch auffälligen Ex-Marine zu reaktivieren, der die Welt in letzter Minute retten soll. Wichtige Militärs oder Geheimdienstleute kommen zu ihm gekrochen, schmieren ihm Honig ums Maul und bitten ihn um einen letzten großen Dienst für die Menschheit. Und was antwortet der? „Ihr könnt mich“ (oder ähnlich). Aber der Asteroid streift fast schon die Stratosphäre …

Es bedarf meist noch einer zusätzlichen Motivation, um den widerstrebenden Helden zum Handeln zu bringen. Das kann ein unvorhergesehenes Ereignis sein, eine Verschärfung der Bedrohungslage oder das Eingreifen eines Mentors, der dem zögernden Helden den kleinen, aber entscheidenden Schubs gibt – hinüber in die fremde, bedrohliche, aber auch faszinierende Anderwelt.

Weigerung im Film 'Titanic'


Jack gehört zu einem Heldentypus, der sich einem Abenteuer nicht verweigert. Insofern ist er kein typischer Protagonist einer Heldenreise, denn diese werden seltern als Helden geboren, sondern erlangen diesen Status erst nach einer langen Kette von Bewährungsproben. Er erfreut sich bereits zu Beginn jener Freiheit und Lebensfreude, die sich andere erst hart erkämpfen müssen. Wass ihm allerdings fehlt, ist die Liebe. Rose kann sich dem bitteren Ruf zum Ehe-Abenteuer mit Cal nicht verweigern, da sie sich dem Verhaltenskodex der viktorianischen Oberschicht nicht entziehen kann, ohne Schande über ihre Familie zu bringen. Aber sie zeigt ihren Unwillen deutlich. Ihre Verzweiflung geht so weil, dass sie sich schon von der Reling stürzen will, als plötzlich Jack auftaucht …