7. Vordringen zur tiefsten Höhle

Die ersten Bewährungsproben waren nicht mehr als Gehversuche im fremden Land, erste Konflikte mit prüfendem Charakter. Dann aber verstärken sich die Komplikationen und der Held dringt zu seiner „tiefsten Höhle“ vor. Von Herausforderung zu Herausforderung muss er immer mehr Willenskraft aufbringen, immer mehr Risiken auf sich nehmen, um die antagonistischen Kräfte abzuwehren.

Vordringen zur tiefsten Höhle als Konfrontation mit Urängsten

So nähert er sich langsam der „tiefsten Höhle“, jenem dunklen Ort, wo der „furchtbare Drache“ sitzt – sein stärkster Widersacher, seine schlimmsten Traumata, seine übelste Neurosen. Dabei muss er weitere Bewährungsproben überstehen, Hindernisse umgehen, Täuschungen durchschauen, Warnhinweise beherzigen, Rätsel lösen, Rückschläge verarbeiten, Fehleinschätzungen korrigieren. Der Held wird vielleicht seine Truppen neu organisieren, Schwellenhüter ausschalten, Liebesabenteuer bestehen.

Joseph Campbell („Der Heros in tausend Gestalten“) sieht diese „Straße der Prüfungen“ als Initiation auf dem Weg zur Reifung: Hier wird der Mensch mit seinen Urängsten konfrontiert. Campbell: „Der Heros … entdeckt und assimiliert sich seinem Widerpart – das eigene ungekannte Selbst -, indem er es verschlingt oder indem er von ihm verschlungen wird.“

Ohne Antagonist kein Konflikt, ohne Antagonist kein Leben

Weniger pathetisch formuliert: Er begegnet seinem Schatten, den destruktiven Anteilen im eigenen Wesen, die gern im Dunkel bleiben würden, oder den konstruktiv-kreativen Anteilen, die ans Tageslicht drängen. Der Schatten ist eine archetypische Kraft, die zu allen Zeiten in allen Menschen aller Kulturen wirken kann. Aber diese Macht ist ein rein symbolischer Funktionsträger, die sich in mehreren Figuren der Geschichte manifestieren kann. Meistens natürlich im Feind (oder Antagonist oder Bösewicht), dessen Rollenauftrag es ist, den Helden zu vernichten oder zumindest zu unterwerfen. Ohne Antagonist kein Konflikt, ohne Konflikt keine Veränderung, ohne Veränderung keine Story. Und da Story Leben ist: ohne Antagonist kein Leben. Der Schatten ist damit eine unverzichtbare Figur für die „Ganzwerdung“ des Helden: Er sorgt erst dafür, dass sich der werdende Held seinen dunklen Anteilen stellen und – will er ein wahrer Held werden – diese auch auf irgend eine Weise integrieren muss.

Es heißt oft, jede Geschichte wäre nur so gut wie ihr Bösewicht - es braucht eben einen starken Feind, wenn der Held an dessen Herausforderung auch wachsen soll. (Christopher Vogler)“ (Robert McKee)

 

Hochrisiko-Verhalten eines Werbetexters

Am Feind wachsen, indem man sich seine Kräfte einverleibt – wie funktioniert das im konkreten Autorenleben? Nehmen wir mein eigenes Beispiel: Ich war jahrelang recht erfolgreich als Texter in der Unternehmenskommunikation unterwegs – Broschüren, Newsletter, Magazine, solche vorgestrigen Dinge eben. „Erfolgreich“ heißt: Jahrelang floss ein steter Strom sehr gut honorierter Aufträge aus diversen Abteilungen einiger weniger Großunternehmen auf meinen Schreibtisch. „Wenige“ heißt: zwei.

Unverantwortliches Hochrisiko-Verhalten? Natürlich. Die Existenzangst hat schon an mir genagt, als die Kundenbeziehung noch in höchster Blüte stand und es keinerlei Anzeichen für eine hereinbrechende Dürre gab. Als sie dann da war, war ich nicht einmal überrascht – nur unglaublich beschämt über das Ausmaß der eigenen Trägheit, die ja keine Sorglosigkeit war – ich habe mir andauernd Sorgen gemacht -, sondern eine seltsame Lähmung, eine innere Blockiertheit, die mich von der dringend nötigen Neukunden-Akquise abgehalten hat. Eines war mir damals schon klar: Diese Lähmung war mein größter Feind. Ich hatte bloß noch keinen Namen für ihn.

Mein größter Feind – die Trägheit des Herzens

Bis ich auf das Buch „Du musst dein Leben ändern“ von Peter Sloterdijk stieß – oder sollte man sagen, das Buch auf mich? Darin wird der lateinische Begriff für eine der sieben Ursünden erwähnt, der oft mit „Faulheit“ übersetzt wird – „acedia“. Hinter dem Begriff steckt viel mehr als Faulheit, er wird deshalb auch oft mit „Trägheit des Herzens“ wiedergegeben. Dahinter verbirgt sich ein ganzer Gefühlskomplex aus Dumpfheit, Depression, Überdruss und leerem Aktionismus.

Verzweifeltes TV-Zapping ohne Sinn und Ziel, aber mit ansteigendem Frustrationspegel; überreiztes Party-Hopping in der ständigen Angst, das Beste zu verpassen, aber ohne die Aussicht, jemals irgendwo anzukommen; Power-Shopping als Jagd nach Differenz und Individualität, wo der einzelne Konsument doch nur dem Herdentrieb der marketinggesteuerten Masse folgt – wir alle kennen solche ziellosen Pseudo-Aktivitäten, deren Sinnlosigkeit wir gekonnt vor uns selbst verbergen.

Jedenfalls wusste ich jetzt, wer mein größter Feind war. Und worum es bei der bevorstehenden entscheidenden Prüfung gehen würde: Ob – und wenn ja, wie – ich seine Kräfte für mich nutzbar machen würde.

Das Vordringen zur tiefsten Höhle im Film 'Titanic'

Roses innerer Wunsch besteht darin, einen Weg in die Freiheit zu finden - „fliegen“ zu lernen. Das kommt in der ikonografischen Szene am Bug des Schiffes zum Ausdruck, als Jack seine Lebensgier hinausschreit („I’m the king of the world!“) und sich Rose unter den pathetischen Klängen von Céline Dions „My heart will go on“ in die Galionsfigur der Titanic verwandelt. Sie übt sich also in der Kunst des „Fliegens“ und nimmt das vorweg, was ihr nach dem Überleben der Katastrophe vorgezeichnet sein wird: ein abenteuerliches und unkonventionelles Leben in Freiheit und Selbstbestimmung. Dass sie sich von den Konventionen ihrer Schicht zu entfernen beginnt, wird in der Porträtszene deutlich, als sie sich ohne falsche Scham nackt von Jack zeichnen lässt. Auf der Flucht vor ihrem Verlobtem Cal und seinen Helfershelfern geraten die beiden in die „tiefste Höhle“, den Bauch des Laderaums, wo sie auf der Rückbank eines Luxusautos eine Prüfung der besonderen Art besteht. Im Liebesrausch greift Rose wie eine Ertrinkende von innen an die beschlagene Scheibe und zeigt damit, dass sie eine weitere existenzielle Schwelle überschritten hat - die Schwelle zum ganzheitlichen Frausein. Sie streift ihre vorherige Existenz als jungfräulich-ohnmächtiges Faustpfand ab und wird als erwachsene, liebende Frau an der Seite ihres Lebensretters wiedergeboren. Jetzt hat sie die erforderlichen Kräfte, um die entscheidende Prüfung - die Begegnung mit dem Tod - bestehen zu können.