5. Überschreiten der Schwelle

Wenn es dem Helden mit Hilfe des Mentors nun gelungen ist, seine Zweifel zu überwinden und seine Furcht zu bändigen – kann sie dann endlich losgehen, die berühmte Heldenreise? So einfach ist es natürlich nicht, weder im Roman noch im Leben. Unser Held ist zwar grundsätzlich bereit, das Wagnis einzugehen – aber das gute Zureden des Mentors allein reicht nicht aus. Noch ist er nicht bereit, die Schwelle zu übertreten.

Man kennt das Gefühl aus manchen Coaching-Erfahrungen: Du hast die eigenen Defizite erkannt (vielleicht sogar die unbewussten) und dich innerlich zu einer Neuorientierung entschlossen. Und doch… so ganz traust du dem Braten (oder dem Coach) immer noch nicht.

Schwellenhüter repräsentieren innere Dämonen

Wenn sich der Held der Schwelle zu einem neuen Leben nähert, begegnen ihm oft Figuren oder Umständen, die das Überschreiten dieser Schwelle erschweren oder gar unmöglich machen wollen. Es kann passieren, dass er von gegnerischen Kräften angegriffen wird (natürlichen wie übernatürlichen), dass er von Naturgewalten aufgehalten wird, dass ihm plötzlich eine Frist gesetzt wird oder er in eine andere Zwangslage gerät, die ihm keine Rückzugsoptionen mehr lässt. Diese Schwellenhüter sind archetypische Rollenbilder, die – wie der Held oder der Mentor – dem mythischen Erbe der gesamten Menschheit entstammen. Sie repräsentieren unsere innere Dämonen, jene kleinen und großen Neurosen, Lügen, Laster und Trägheiten, die unsere innere Entwicklung in jeder Phase unseres Lebens hemmen.

Hüter der bestehenden Ordnung

Die dramaturgische Funktion des Schwellenhüters ist es, uns zu prüfen: Bist du wirklich schon so weit? Das ist die Frage, die er implizit an uns stellt. In der griechischen Sagenwelt versperrt der dreiköpfige Höllenhund Cerberus den Eingang zur Unterwelt; dasselbe versucht der düstere Fährmann Charon, der die Toten für einen Obolus über den Totenfluss in den Hades rudert. Solche Ordnungshüter (heute wären es vielleicht Security-Leute oder Zollbeamte) lösen über alle Kulturgrenzen hinweg einen gewissen Abwehrreflex aus. Denn sie bewahren die bestehende Ordnung, die Spielregeln der gewohnten Welt. Aber genau diese sind es ja, denen wir entkommen wollen – oder müssen, wenn wir ernsthaft den Heldenstatus anstreben.

An der Schwelle zu den ureigenen Ängste

Viel gefährlicher als solche offensichtlichen Schwellenhüter sind die versteckten: Partner, Eltern, Freunde, Kollegen – all jene Nahestehenden also, die angeblich nur unser Bestes wollen. Wenn du von einer gut bezahlten Vollzeitstelle mit realen Aufstiegschancen auf eine Halbtagsstelle wechselst, um endlich den verdammten Roman schreiben zu können, wirst du diesen Satz nie hören: „Fantastische Idee, mutiger Schritt, ich gratuliere dir zu der Entscheidung und verteidige dich vor Neidern, Nörglern und Zweiflern wie eine 300-Kilogramm-Braunbärin ihr frisch geworfenes Bärenjunges.“
Du wirst eher „gut“ gemeinten Einwände zu hören bekommen, die du dir selber gegenüber schon x-mal erhoben hast:

  • Schreiben als Hobby ist ok, aber seit wann soll man denn vom Schreiben leben können?
  • Glaubst du, du bist talentiert genug, um es mit all diesen Bestsellerautoren aufnehmen zu können?
  • Wie lange wirst du für den Roman brauchen, wenn du ihn nur nebenher schreiben kannst?
  • Glaubst du, die ganze Mühe lohnt sich überhaupt und du findest jemals einen Verlag dafür?
  • Wird man bei so einem einsamen Hobby nicht sehr eigenbrötlerisch?
  • Und ist es nicht sehr egoistisch der Familie gegenüber?

Gegnerische Kräfte aufnehmen statt ausschalten

Es gibt drei mögliche Reaktionen auf Schwellenhüter: Flucht, Kampf oder Kooperation. Flucht ist keine Option, weil die Geschichte dann zu Ende wäre. Kampf in diesem frühen Stadium der Heldenreise könnte ebenfalls das Ende bedeuten. Am effektivsten überwindet man Schwellenhüter, indem man sich ihre Kräfte zu eigen macht – wie man es aus asiatischen Kampfsportarten kennt. Du nimmst geschickt die Kraft des Gegners auf und wendest sie gegen ihn, ohne dabei selbst zu Schaden zu kommen. Zugegeben: Das ist schon die hohe Kunst der Transzendierung der gegnerischen Kräfte. Aber weil Schwellenhüter nicht nur an dieser Station der Heldenreise auftauchen, ist es sinnvoll, den Kampf mit ihnen zu trainieren.

Erfolgreiche Helden lernen mit der Zeit, Schellenhüter zu Verbündeten zu machen.

Bestehen wir die erste Prüfung (wenn auch mit Blessuren), haben wir nachgewiesen, dass wir veränderungswillig und -fähig sind. Wir überschreiten die Schwelle zum zweiten Akt unserer Heldenreise und betreten eine Welt, in der andere Spielregeln gelten als in der uns bekannten. Wir werden diese Spielregeln lernen müssen, um in der Anderwelt bestehen zu können. Die ersten Bewährungsproben warten schon auf uns.

Das Überschreiten der Schwelle im Film 'Titanic'

Die „Anderwelt“ in diesem Film ist das Schiff - jene angeblich unsinkbare Blüte viktorianischer Schiffbaukunst, die vom Hafen von Southampton zu ihrer Jungfernfahrt nach New York aufbricht. Mit dem Boarding des Luxusliners überschreiten die Passagiere die Schwelle zur Anderwelt. Nach dem Auslaufen des Schiffes gibt es kein Zurück mehr - auf hoher See gelten andere Spielregeln als an Land. Die Schiffsarchitektur spiegelt die Klassenschichtung des British Empire wider: Ganz unten in den engen und stickigen Gängen der dritten Klasse drängen sich die armen Auswanderer und Glücksritter wie Jack, oben in der luftigen und luxuriösen ersten Klasse promenieren die Reichen und Mächtigen wie Roses Mutter, Ruth DeWitt Bukater, und Roses Verlobter, Cal Hockley. Dieser Standesunterschied sorgt dafür, dass Rose und Jack noch weitere Schwellen zu überwinden haben: Jack von ganz unten nach ganz oben, als er von Cal zum Dinner eingeladen wird (wozu er sich von Molly Brown, einer Mentorin, mit der passenden Kleidung versorgen lässt), Rose von ganz oben nach ganz unten, als sie von Jack zu einer „richtigen Party“ ins Unterdeck mitgenommen wird. Beide haben Bewährungsproben zu bestehen: Jack muss sich der Verachtung einer dünkelhaften Oberschicht stellen, Rose muss mit der rauschhaften Sinnlichkeit einer derben und lebenshungrigen Unterschicht zurecht kommen. Beide meistern die Prüfung mit Bravour.