2. Ruf zum Abenteuer

Für unseren Protagonisten besteht also von Beginn an ein mehr oder weniger spürbarer Leidensdruck. Er weiß inwendig, dass er eigentlich etwas Grundsätzliches an seinem Leben ändern müsste. Er ist in dieser Mangelsituation aufnahmefähig für einen Ruf zum Abenteuer, der ihn aus der Komfortzone der gewohnten Welt hinauszwingt. Und wie heißt es doch so schön in der Bibel: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan“ (Matthäus 7,7). Wer eine gewisse innere Bereitschaft zeigt, die Dinge vielleicht doch einmal von einer anderen Seite anzugehen, vernimmt plötzlich deutliche Signale, sich auf den Weg zu machen.

Ruf zum Abenteuer: Katalysator für die Geschichte

Der Ruf kann von außen und/oder von innen kommen. Kommt er von außen, ereilt er uns  oft in Gestalt einer Nachricht („Leider passt ihr Manuskript nicht in unser Verlagsprogramm“), eines Ereignisses oder Verlustes (du wirst als fest angestellter Redakteur gekündigt). Kommt der Ruf von innen, verkleidet er sich oft in rätselhafte Traumsequenzen, depressive Phasen oder psychosomatische Beschwerden. Dramaturgisch gesehen ist der Ruf zum Abenteuer der auslösende Moment – ein Katalysator, der die Geschichte erst in Gang bringt.

Bereitwillige Helden? Nur im Kino

Die wenigsten Menschen fühlen sich von Haus aus zum Helden berufen, empfindsame Kreative schon gar nicht. Dem bereitwilligen Helden begegnen wir in der Fiktion deutlich häufiger als in der Realität. Er braucht keinen Druck von außen, um sich dem Abenteuer zu stellen; Durchschnitts-„Helden“ wie wir brauchen noch ein paar Anstöße mehr, um uns auf unbekanntes Terrain zu wagen.

Manchmal resultiert dieser Anstoß aus wirtschaftlichem Druck. Wenn sich die E-Books des Selfpublishers nicht verkaufen, obwohl er sie in kurzer Sequenz mit großem Marketing-Getöse auf den Markt geworfen hat; wenn die Aufträge des freien Werbetexters ausbleiben, weil er zu wenig Neukunden-Akquise gemacht hast; wenn der Redakteur vom Verlagshaus „freigestellt“ wird, um das anwachsende Heer der freien Journalisten zu verstärken – dann sollte man sich vielleicht fragen, ob in dieser Krise nicht ein Ruf zu einem Abenteuer steckt – dem Abenteuer, vom Autor zum Storypreneur zu werden.

Das Leben, ein Kreislauf unvollendeter Heldenreisen

Manche Autoren hören wohl den Ruf, reagieren aber nicht auf ihn. Andere reagieren, bleiben aber in der Phase der Weigerung stecken. Und die wenigen, die dennoch zur Selbstaktivierung schreiten, scheitern oft schon an den ersten Bewährungsproben.

Statt auf Kurs zu bleiben und das Tal zu durchschreiten, hören sie plötzlich irgendwoher einen neuen Ruf und beginnen eine neue Reise, ohne die alte beendet zu haben (sagt einer, der es darin zum Experten gebracht hat). Und so verheddern wir uns in einem ewigen Kreislauf angefangener, unterbrochener, wieder aufgenommener Heldenreisen und wundern uns, wie selten überhaupt jemand bis zur Mitte des zweiten Aktes (entscheidende Prüfung) vorstößt.

Behaupte keiner, die Heldenreise sei eine anstrengungslose Angelegenheit – nach der vielfach missbrauchten Erfolgsformel „Tu was Du liebst und Du musst nie wieder arbeiten!“ Einfach seine Leidenschaft zu leben, genügt nicht. Der von Jochen Mai in der Karrierebibel vervollständigte Satz klingt nicht mehr ganz so nach easy Living:

Mache das, was du liebst, arbeite hart, sehr hart, sei leidenschaftlich, zielstrebig, offen für Neues, engagiere dich, mehr als verlangt, sei diszipliniert, hartnäckig, halte durch und arbeite wirklich hart, sogar noch ein wenig härter - und dann, eines Tages, werden Geld und Erfolg dir folgen.

Story ist Veränderung

Im Grunde ist die mythologische Heldenreise nichts anderes als eine Methode, mit Veränderungsdruck und den daraus resultierenden Konflikten umzugehen. Denn jede Geschichte dreht sich im Kern um Veränderungen: Ein Protagonst wird durch einen „Ruf“ aus ihrem Alltag herausgerissen und muss immer bedrohlicher scheinende Konflikte durchstehen, um in einer letzten großen Anstrengung die antagonistischen Kräfte zu überwinden und als veränderter Mensch in die gewohnte Welt zurückzukehren.

Storytelling ist also weit mehr als ein Werkzeugkasten für Schriftsteller und Drehbuchautoren. Die Heldenreise ist ein archetypischer Masterplan für jede Art von Veränderung – vorausgesetzt, wir sind bereit, die Heldenrolle anzunehmen, also laut und deutlich „nein“ zu sagen zu bestimmten Zumutungen oder „ja“ zu bestimmten Herausforderungen. Die Heldenreise ist eine Metapher für den steinigen Weg zu uns selbst hindernisreichen Weg eines Menschen zu sich selbst.

Ruf zum Abenteuer im Film 'Titanic'

Der Ruf zum Abenteuer ereilt Rose in Form eines allmächtigen gesellschaftlichen Zwanges: Um den Status ihrer Familie zu erhalten, wird sie von der unerbittlichen Mutter in die Ehe mit dem reichen, aber zynischen und arroganten Cal gedrängt. Hier zeigt der „Ruf“ seine dunkle Seite. Jack hingegen, der zweite Held des Films, brauch eigentlich keine Aufforderung, sich auf die Reise ins Ungewisse zu begeben - er ist von Natur aus abenteuerlustig. Aber ein „Ruf“ auf die Titanic ereilt ihn doch: Er gewinnt bei einem Kartenspiel zwei Karten dritter Klasse für sich und seinen Kumpel Fabrizio.