10. Rückweg

Der Rückweg markiert oft den Übergang zum dritten Akt. In diesem Stadium der Heldenreise muss dich der Held den Konsequenzen stellen, die sich aus der entscheidenden Prüfung ergeben haben. Das ist auch der Punkt, an dem er sich dazu entscheidet, in die gewohnte Welt zurückzukehren. Er steht erneut vor einer wichtigen Schwelle, die der Geschichte eine neue Richtung gibt. War der Held bisher auf Angriff gepolt, ergreift er jetzt die Flucht. War er bislang eher defensiv, schaltet er jetzt endgültig auf Offensive.

Manche Siege sind Scheinsiege

Falls der Held einen Sieg über seinen äußeren Gegner errungen hat und sich schon am Ziel seiner Reise glaubt, wird er jetzt eines Besseren belehrt: Der Sieg war ein Scheinsieg. Der Feind kommt zurück – stärker denn je. Oder es formiert sich eine ganz neue gegnerische Kraft, die vorher noch nicht sichtbar war. Und falls er sich von einer katastrophalen Niederlage erholen muss, erkennt er jetzt, warum es zu dieser Niederlage kommen musste – weil die inneren Dämonen immer noch nicht besiegt sind. In beiden Fällen muss der Held erkennen, dass seine innere Reise noch nicht abgeschlossen ist, dass die entscheidende Verwandlung noch bevorsteht.

Kein Publikum mag Dauerstress

Nachdem die Spannung gerade etwas nachgelassen hatte und der Leser oder Zuschauer schon das Gefühl hatte, ‚uff, jetzt ist er endlich übern Berg‘, sortieren sich die Dinge neu: ‚Nichts ist vorbei – der wahre Kampf kommt erst noch!‘ Diese kalkulierte Enttäuschung ist ein dramaturgischer Kunstgriff, um die Spannung (und damit das Tempo) wieder zu steigern. Kein Publikum mag Dauerstress – selbst auf der Achterbahnfahrt nicht, wo es gelegentlich ein paar ruhige Passagen geben muss. Der Genuss entsteht aus einer bewusst getakteten Nacheinanderschaltung von Spannung und Entspannung, nicht aus Daueranspannung oder Dauerlangeweile.
Nach dem Luftholen gegen Ende des zweiten Aktes ist der Leser wieder bereit, sich dem wohligen Schauer hinzugeben, der mit der ungewissen Frage verbunden ist: ‚Wie wird der Held den ultimativen Todesstoß des Feindes parieren?‘ Diese letzte Auseinandersetzung markiert den Höhepunkt der Geschichte; hier erreicht die Spannung ihren Maximalwert.

Ein Kampf auf drei Ebenen

Dies ist die ideale Stelle für Verfolgungsjagden, Rachefeldzüge, Überraschungsangriffe, spektakuläre Fluchten. In guten – also komplexen – Storys kämpft der Held laut Robert McKee auf drei Ebenen gleichzeitig: gegen die Gesellschaft (außerpersönlicher Konflikt), gegen andere Menschen (persönlicher Konflikt) und gegen sich selbst (innerer Konflikt). Findet der Konflikt nur auf einer Ebene statt, ist die Story  nicht komplex, sondern kompliziert:

  • Storys, die nur außerpersönliche Konflikt zeigen, bedienen die Genres „vom Horrorfilm über den Action-/Abenteuerfilm bis zur Farce“. James Bond zum Beispiel habe keine inneren Konflikte; „wir missverstehen seine Begegnungen mit Frauen nicht als etwas Persönliches – sie dienen der Erholung.“
  • „Storys, die lediglich auf der Ebene des persönlichen Konflikts kompliziert sind, nennt man Seifenopern.“ Es gibt eine Unmenge an Mitwirkenden, und jede Figur hat eine enge Beziehung zu jeder anderen Figur in der Story. Das macht die Story kompliziert – aber eben nicht komplex.
  • „Storys, die nur auf der Ebene des inneren Konflikts kompliziert sind, sind (…) Prosawerke im Stream-of-consciousness-Genre.“ Der Zuschauer sieht alles, was die Figur denkt, träumt, erinnert, fühlt. Und diese Flut von Gedanken und Gefühlen ist nicht komplex, sondern einfach nur kompliziert.

 

Wie schreibt man komplexe Storys, die nicht kompliziert sind? McKee: „Seien Sie sparsam mit Figuren; halten Sie die Zahl der Schauplätze gering.“

Die drei Konfliktebenen des Storytellers

Auch der Storyteller auf seiner Reise zum Storypreneur wird sich mit allen drei Konfliktebenen beschäftigen müssen. Kein einfaches Unterfangen – aber vielleicht das einzig erfolgversprechende, wenn er dem Hamsterrad entkommen will, zu viel zu arbeiten (keine Lebenszeit), zu wenig zu verdienen (kein Geld), das Falsche zu arbeiten (kein Sinn). Nur wer seine Gegenspieler auf den verschiedenen Konfliktebenen einschätzen kann, kann sie auch überwinden.

Der innere Konflikt hat meist mit Angst zu tun: Angst vor Sicherheitsverlust, Statusverlust, Kontrollverlust. Auch persönliche Konflikte können uns den Weg erschweren oder gar unmöglich machen, vor allen dann, wenn es Konflikte mit nahestehenden Personen sind. Ich möchte hier den Blick aber besonders auf den außerpersönlichen Konflikt richten.

Storyteller vs. kreativitätsfeindliche Gesellschaft

Gesellschaft und Wirtschaft belohnen das, was Förster + Kreuz „gute Arbeit“ nennen: standardisierte, leicht zu kontrollierende, prozessoptimierte Tätigkeits-Routinen innerhalb klarer Hierarchien. Gut ist, wer Kosten, Energie und Ärger spart. Das führt zu dem Dilemma, dass du umso austauschbarer bist, je besser du funktionierst. Besonderes Engagement führt nicht automatisch – wie die Stellenausschreibungen suggerieren – zu mehr Arbeitsplatzsicherheit, mehr oder besseren Karrierechancen.

Zwar suchen alle den eigenverantwortlichen „Selfstarter“, der „out of the box“ denkt, lernbereit und – natürlich – kreativ ist. Kreativität gilt, wie Alexander Plitsch in seinem lesenswerten Selfstarter-Blog schreibt, als DIE Schlüsselressource der Zukunft. Wäre da nicht diese eine entscheidende Einschränkung:

Unsere Gesellschaft und Unternehmen sind geradezu kreativitätsfeindlich.

Nur rund 20 Prozent der Erwerbstätigen seien heute noch in Industrie und Handwerk tätig, meint Plitsch. Digitale Technologien, Dienstleistungssektor, Kreativ- und Kulturwirtschaft – das seien die aufstrebenden Bereiche. Aber warum werden kreative Quer- und Vordenker dann gebremst? Plitsch nennt in seinem Blogbeitrag drei Gründe. Und Förster + Kreuz kommen ihrem Buch „Hört auf zu arbeiten – eine Anstiftung, das zu tun, was wirklich zählt“ zu ähnlichen Ergebnissen:

  • „Ein Bildungssystem aus dem Industriezeitalter“ (Plitsch), das immer noch auf Frontalunterricht ausgerichtet sei. Auch Förster+Kreuz sehen die Schule als fabrikmäßige Institution: „Anweisung plus Kontrolle gleich Fabrik.“ Die Schule vermittle Wissen statt Kreativität. Ästhetische Bildung sei ganz am Ende der Nützlichkeitskette angesiedelt. Gleichmacherei und Standardisierung verhinderten die individuelle Förderung des Einzelnen.
  • Ein Renditestreben ohne Wertfundament: „Was zählt sind Effizienz und kurzfristiger Gewinn im Quartalsrhythmus“ (Plitsch). Förster + Kreuz sekundieren: Es gebe keine Unternehmertreue mehr im Austausch gegen Pflichterfüllung. Die Unternehmer fühlten sich nicht ihren Mitarbeitern und Kunden verpflichtet, sondern ihren Aktionären. Und denen gehe es um Rendite, also um möglichst viel Ertrag in möglichst kurzer Zeit. Was wiederum den Effizienzdruck auf den Mitarbeiter erhöhe. „Es herrscht permanenter Krisenmodus und Anpassungsdruck.“
  • Die Dominanz zahlengetriebener Technokraten, „Menschen, die planen, analysieren und budgetieren können – aber nicht gestalten, nichts kreieren, keinen Nutzen stiften“ (Plitsch). Diese Entscheider seien besessen von allem, was sich messen ließe, meinen auch Förster+Kreuz: Produktivität, Wachstum, Marktanteile etc. Aber Kreativität, Engagement und Leidenschaft ließen sich nicht messen. Auch das Beharren auf den günstigsten Preis und die schnellste Umsetzung seien irreführend, weil eine kostspielige Lösung langfristig die günstigere sein könne.

Die Scheinsiege erfolgreicher Freiberufler

Kein Wunder, dass viele Kreative dem renditegetriebenen Hamsterrad entkommen wollen und ganz bewusst den Schritt in die Freiberuflichkeit gehen. Sie bewerten Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung höher als Sicherheit und Status. Das erkaufen sie allerdings nicht selten mit miserablen Einkommensverhältnissen, stark schwankenden Auftragslagen und fehlender Planungssicherheit. Und wie steht es um die Selbstbestimmung eigentlich wirklich ?

Das Problem: Freiberufler in der Kultur- und Kreativwirtschaft sind Dienstleister. Sie verkaufen ihre Arbeitszeit gegen Geld. Der Angestellte kann sich hier und da noch mit seiner Arbeitsplatzsicherheit und seiner Tarifeinstufung trösten, aber der Freie hat seine Honorare an die Marktsituation anzupassen. Sicher gibt es viele gut beschäftigte Freie – aber die können ihre Zeit auch nur einmal verkaufen. Irgendwann stehen sie vor der Frage, ob sie die Wochenenden durcharbeiten oder Mitarbeiter einstellen wollen. Tun sie Letzteres, erringen sie oft (Heldenreise!) einen Scheinsieg: Aus dem flexiblen, schlanken Ein-Mann-Dienstleister wird plötzlich eine Agentur, die mehr leisten kann und entsprechend mehr umsetzt – aber auch mehr umsetzen muss, weil die Betriebskosten nach oben springen. Der leidlich selbstbestimmte Freiberufler mit seinen extrem schlanken Arbeitsstrukturen (Internetanschluss und Laptop genügen) wacht plötzlich als klassischer Unternehmer auf, der Mitarbeiterverantwortung hat und schnell feststellt fest, das ein größerer Betrieb kein besseres Leben bedeutet.

Vorsicht, Dienstleister-Falle!

Häufiger haben wir es wohl eher mit wirtschaftlichen Niederlagen zu tun, das legt ein Blick auf das wachsende Kreativ-Prekariat in den westlichen Großstadtregionen nahe. Sicher, das Internet erweitert die Optionen beispielsweise von Werbetextern in Richtung Online-Marketing. Gleichzeitig erhöht es aber auch den Konkurrenzdruck durch die zahlreichen Content-Börsen wie textbroker.de. Was beim Dienstleister hängenbleibt, ist in diesem ebenso amüsanten wie frustrierenden Erfahrungsbericht einer „SEO-Sklavin“ nachzulesen.

Fazit: Der Dienstleister-Status kann zur Dienstleister-Falle werden. Wir sind ganz und gar vom Kunden abhängig; er bestimmt, was wir wann und wie tun und wieviel Geld wir dafür bekommen. Oft sind wir von wenigen Kunden abhängig und finden und in der Scheinselbstständigkeit wieder. Und falls das Schreiben unsere Leidenschaft ist, setzen wir sie nicht für unsere eigenen, sondern für die Belange Fremder ein. Von Selbstwirksamkeit und Sinnerfüllung kann hier keine Rede sein. Wir werden uns grundlegend neu ausrichten müssen, wenn wir diesem Teufelskreis entkommen wollen. Dies ist die letzte und gefährlichste Prüfung auf unserem Weg zum Storypreneur. Wenn wir sie bestehen, werden wir die Reise als Verwandelte fortsetzen.

Rückweg im Film 'Titanic'

Der Rückweg ist der Überlebenskampf, den Rose und Jack nach dem Crash der Titanic mit dem Eisberg führen müssen. Es kommt auch zu Fluchten und Verfolgungsjagden. Rose befreit Jack, der von Cals Helfer Lovejoy im Unterdeck angekettet wurde, mit einem beherzten Beilschlag. Als Cal mit ansehen muss, dass sie wieder aus dem Rettungsboot aussteigt, nur um bei Jack zu bleiben, beginnt er in rasender Eifersucht auf beiden zu schießen. Sie fliehen zurück ins Unterdeck. Doch Cal ist das eigene Überleben wichtiger als der Kampf um seine Liebe; er setzt sich in ein Rettungsboot. Mittlerweile haben sich Rose und Jack auf das Heck geflüchtet. Als das Schiff in der Mitte auseinanderbricht, zieht der schnell sinkende Bug das Heck mit sich, so dass es sich senkrecht im Wassere aufstellt. Mit der Bugspitze werden Rose und Jack in die Tiefe des Ozeans gerissen, können sich im eiskalten Wasser aber an die Oberfläche zurückkämpfen und an eine Holzplanke klammern.