4. Mentor

Der Mentor ist eine jener immer wiederkehrenden symbolhaften Figuren, die der Schweizer Psychologe C. G. Jung als „Archetypen“ bezeichnet hat. In diesen Figuren sah Jung das kollektiv Unbewusste der Menschheit wirken, gleichsam als Gegenstück zum individuell Unbewussten, wie wir es aus der Freud’schen Psychoanalyse kennen. Diese Träume, Märchen und Mythen, so glaubte Jung, ziehen sich durch alle Zeiten und Kulturen.

Archetypen: Facetten der Heldenpersönlichkeit

Was oft missverstanden wird: Archetypen sind keine feststehende Charaktere, sondern Funktionselemente, die ein Charakter vorübergehend übernehmen kann – wie eine Maske, die er sich vors Gesicht hält. Ein Charakter kann im Verlauf der Geschichte mehrere solcher Masken tragen, um die Handlung voranzutreiben.
Man kann, wie es Christopher Vogler tut, diese Funktionselemente auch als Facetten ein und derselben Persönlichkeit betrachten – der des (werdenden) Helden. Alle guten und bösen, dämonischen und verführerischen, helfenden und verräterischen Mächte, denen er auf seiner Reise begegnet, sind dann nichts anderes als Aspekte seiner eigenen Persönlichkeit. Er nimmt Züge all dieser Charaktere an und damit ihre Energie in sich auf. Er wird „ganz“ in seinem Wesen, schöpft seine Potenziale bis zur Neige aus, durchschreitet die tiefsten Abgründe seiner eigenen Persönlichkeit und wird in einem Akt der Selbstüberwindung und Selbstaufopferung zu einem Objekt der Bewunderung – zu einem wahren Helden.

Mentor, eine Gestalt der Odyssee

Einer der wichtigsten Archetypen neben dem Helden ist der Mentor. Letzter tritt oft in der Rolle des weisen Alten, Zauberers oder Magiers auf, der guten Fee, des Arztes, Ratgebers, Lehrers. Der Namensgeber dieses Archetypus ist eine Figur der „Odyssee“: Mentor war ein Freund und Altersgenosse Odysseus‘ und hat sich um dessen Sohn Telemach kümmert. Die Göttin Athene ist immer wieder in die Gestalt Mentors geschlüpft, wenn sie ihrem Schützling Odysseus mit Rat und Tat zur Seite stehen wollte. Aus dem Namen wurde eine Gattungsbezeichnung für einen älteren, klugen und wohlwollenden Berater, der einem jüngeren, unerfahreneren „Schüler“ helfend zur Seite steht.

Seine Aufgabe ist es, den werdenden Helden, der kurz vor seinem Aufbruch in die Anderwelt steht, mit „magischen“ Gaben auszustatten, die ihm später in seinen Kämpfen wertvolle Dienste leisten werden. Diese Gabe kann ein wichtiger Hinweis sein, ein geheimes Wissen, ein Werkzeug oder eine Waffe.

„Möge die Macht mit dir sein“

Einer der bekanntesten Mentoren der Filmgeschichte dürfte Obi-Wan Kenobi sein, jener Jedi-Meister aus Star Wars, der den jungen Luke Skywalker mit Wissen, Weisheit und Selbstvertrauen ausstattet („Möge die Macht mit dir sein“).

Wie viele andere Mentoren hat auch Obi-Wan Kenobi selbst eine konfliktträchtige Heldenreise hinter sich. Gerade deshalb kann er nachwachsenden Helden bei dem Versuch zur Seite stehen, der zu werden, der sie ihren Anlagen nach sind. Obi-Wan Kenobi bildet Luke zum Jedi-Ritter aus und hilft ihm bei der Flucht vom ersten Todesstern, was ihn selbst das Leben kostete. Doch auch nach seinem Tod lebt er als eine Art Geist fort, der Luke bei seinem Reifungsprozess unterstützt.

Geschichten als Lebensersatz

Wie sich ein fiktiver Romanheld der Heldenreise zunächst verweigert, so tun wir, seine Schöpfer, es in eigener Sache oft auch. Das ist wohl überhaupt der Grund, warum wir schreiben: Wir schicken einen Repräsentanten unseres Selbst stellvertretend auf die Reise, um unsere eigenen positiven wie negativen Potenziale auszutesten. Wir evozieren die aberwitzigsten Gefahren, ohne die behagliche Sicherheit der Schreibstube auich nur eine Sekunde verlassen zu müssen. Dasselbe gilt für den Leser: Indem er einen Roman liest, durchmisst er die Bandbreite der Möglichkeiten, die das Leben potenziell zu bieten hätte, ohne das geringste persönliche Risiko einzugehen (außer vielleicht, zu verschlafen und zu spät ins Büro zu kommen, weil er am Vorabend unbedingt noch dieses eine Kapitel zu Ende lesen musste).

Konstruktive und destruktive Mentoren

Aber wenn wir künstlerisch, persönlich oder wirtschaftlich auf der Stelle treten, sollten wir uns daran erinnern, dass es risikoloses Heldentum nicht gibt. Das wäre dann auch der Zeitpunkt, sich echten Mentoren zu öffnen.

Viele werdende Künstler durchlaufen während ihrer kreativen Selbstfindung mehrere Mentoring-Zyklen, bis sie erfahren genug sind, hilfreiche von destruktiven „Freunden“ zu unterscheiden oder gar beginnen, sich selbst zu mentorieren. So mancher Therapeut, Coach oder Privatratgeber erweist sich in der Rückschau nicht als Förderer einer künstlerischen Karriere, sondern geradezu als Hemmnis. Das liegt daran, dass der Archetypus des Mentors eben nur eine Maske ist, die sich jede andere an der Geschichte beteiligte Figur aufsetzen kann: der Antagonist z.B. oder der Schwellenhüter. Nur weil jemand in der Rolle des Mentors auftritt, sollten wir nicht ungeprüft glauben, dass er tatsächlich einer ist.

Mentor, Schwellenhüter, Antagonist?

Wieviele Helfer oder Mentoren sind dir im Laufe des Lebens begegnet, die sich im Nachhinein als Antagonisten oder Schwellenhüter herausgestellt haben? Mir sind auf meinem bisherigen Weg zum Storypreneur drei solcher Figuren begegnet. Von allen dreien wollte ich im Grunde eine Ermutigung zum Bruch mit dem abhängigen Texterdasein und zur Hinwendung zum selbstbestimmten Autorendasein hören („Sie mutig, lebe deine Leidenschaft und schreibe endlich deinen Roman – niemand zwingt dich, Lohnschreiber zu sein! Lass die Ängste zu – sie lösen sich im Tun!“). Ähnliches gehört habe ich aber nur von einem. Die beiden anderen haben entweder ganz vom Schreiben abgeraten („Das gedruckte Buch stirbt aus“) oder zu einer PR-Umschulung geraten.

Schwellenhüter und Antagonisten haben eine wichtige Funktion: Sie testen unsere Veränderungsbereitschaft, unsere Frustrationstoleranz und unsere Hartnäckigkeit – sprich, unsere Heldentauglichkeit. Wir sollten sie daher fast ein wenig mögen.

Angst ist der Preis der Freiheit

Warum ist es nicht nur für Romanhelden, sondern auch für Romanautoren so verdammt schwer, aus dem Hamsterrad auszusteigen? Warum brauchen wir so viele Mentoring-Runden, um uns endlich auf die Reise zu machen? Weil wir unsere tieferen emotionalen Sedimentschichten nicht wirklich aufwirbeln wollen – wer weiß, was da alles zum Vorschein käme. Die tiefere psychologische Ursache für die obligatorische Phase der Weigerung ist schlichtweg Angst. Angst vor dem Unbekannten. Angst vor dem Scheitern. Angst vor Kontrollverlust. Angst vor Blamage. Angst vor Liebesentzug.

Wenn wir die beste Version unserer selbst werden wollen, müssen wir mit diesen Unsicherheiten aber zu leben lernen. Angst ist der Preis der Freiheit. Der Trick besteht nach Anja Förster und Peter Kreuz darin, die Unsicherheit zuzulassen und trotzdem zu handeln:

Und dann passiert oft etwas Wunderbares: Die Unsicherheit löst sich auf, sobald wir ins Handeln kommen.

 

Nachdem der Mentor seine Initiationsriten abgehalten hat, steht der Held vor der nächsten großen Prüfung: dem Überschreiten der Schwelle.

Mentoren im Film 'Titanic'

Eine Reihe von Charakteren treten gelegentlich in der Maske des Mentors auf: Molly Brown besorgt Jack die passende Kleidung für die fremde Welt der Ersten Klasse und lotst ihn durch die Untiefen der englischen Oberschichten-Gesellschaft. Kapitän Smith ist schon von Berufs wegen auf die Mentorenrolle abonniert. Doch er entpuppt sich als dunkler Mentor, der seiner Rolle aufgrund seiner Selbstgefälligkeit nicht gerecht wird. Jack selbst, der Held, tritt Rose gegenüber als Mentor auf, indem er sie Freiheitsliebe und Selbstvertrauen lehrt. Auch Thomas Andrews, der Konstrukteur der Titanic, nimmt Rose gegenüber eine Mentorenrolle ein. Doch er erweist sich schließlich als gebrochender Mentor, weil seine Wundermaschine doch nicht so unsinkbar konstruiert war, wie er geglaubt hatte.