12. Heimkehr mit dem Elixier

Nach all den Herausforderungen, Prüfungen und Rückschlägen hat der Held eine Art „Elixier“ errungen, das seine Verwandlung besiegelt und mit dem er – gerade weil er verwandelt ist – in die gewohnte Welt zurückkehren kann. Das, was ihm in der gewohnten Welt gefehlt hat, hat er jetzt gefunden. Dieses „Etwas“ kann eine Sache sein – ein Schatz, ein Zaubertrank, eine Medizin, ein heiliger oder magischer Gegenstand wie der Heilige Gral. Meist wird es aber ein Wissen sein, eine Erkenntnis, eine Lehre, die nicht nur dem Helden selbst hilft, sondern auch den Menschen um ihn herum. Genau diese „Kraft, seine Mitmenschen mit Segnungen zu versehen“ (Joseph Campbell) macht ihn überhaupt erst zum Helden.

Ein Held ist ein Mensch, der Opfer bringt

Story ist Veränderung, und der Held hat während der Reise gezeigt, dass er sich verändern kann. Und Story verknüpft Lernen mit Lehren: Weil der Held eine neue Bewusstseinsstufe erreicht hat, kann er das Gelernte jetzt auch an die Seinen weitergeben. Wie es der zum Indianer geläuterte US-Offizier John Dunbar in „Der mit dem Wolf tanzt“ tut, als er seinen Stamm verlässt, um als Indianer unter den Weißen für das Überleben seiner Kultur zu kämpfen. Es ist eine sehr gefahrvolle Rückkehr in eine gewohnte Welt, von der er sich gerade erst gelöst hat. Aber hier offenbart sich der Kern des Heldencharakters: Er denkt nicht zuerst an den eigenen Vorteil, sondern ist bereit, Opfer für die Allgemeinheit zu erbringen.

Komische Helden verändern sich nicht

Übrigens ist keineswegs gesagt, dass diese letzte Station in allen Geschichten problemlos vonstatten geht. Selbst jetzt kann der Held noch straucheln. Wer bei der Rückkehr mit dem Elixier scheitert, ist dazu verdammt, die Prüfungen und Proben solange zu wiederholen, bis er seine Lektion gelernt hat. Das geschieht gern in Schwänken oder Komödien. Der komische „Held“ ist eben keiner – er begeht immer und immer wieder dieselbe Torheit und verbaut sich damit selbst die Chance zur Läuterung. Er hat oft ein gutes Herz, stellt sich aber stümperhaft an und tappt in jede Falle (Don Quijote, Forrest Gump, Dick & Doof). Vor allem aber verändert er sich nicht.

Aber für gewöhnlich mögen wir keine Helden, die ewig im Labyrinth ihrer Konflikte gefangen bleiben. Zum Ende der Reise verlangen wir nach einer Auflösung aller Handlungsknoten, die während der Reise geknüpft wurden. Wir wollen, dass alle Fragen eindeutig beantwortet, alle Konflikte eindeutig geklärt werden, sonst kann sich kein Gefühl der Befriedigung einstellen. Die poetische Gerechtigkeit erfordert es, dass die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden – sei dies auch in einem höheren Sinne.

Der tragische Held siegt erst im Tod

Der tragische Held oder Antiheld ist oft ein Einzelgänger, der eine fast tödliche Verwundung erlebt hat und nun am Rande einer oft verkommenen Gesellschaft lebt (Robin Hood, zu Beginn seiner Heldenreise auch John Dunbar). Er stirbt zwar am Ende (oft durch die Hand des Antagonisten), trägt aber auf höherer Ebene dennoch den Sieg davon. In „Gladiator“ wird der Held Maximus zwar von Commodus auf hinterhältige Weise getötet, doch er bezwingt seinen Feind mit allerletzter Kraft. Sterbend erlebt Maximus seine Apotheose zum selbstlosen Retter altrömischer Werte, während der Kaiser einen einsamen Tyrannentod stirbt. Insofern wird der Gute doch noch belohnt – wenn auch im Tode. Das tragische Scheitern vergrößert unsere Sympathie für den Helden sogar noch. Der Schauder, der uns bei solch blutigen Enden über den Rücken läuft, ist deshalb immer noch ein wohliger.

Maximus ist ein typischer Kriegerheld (wenn auch mit Zügen des Antihelden). In der deutschen Kultur gibt es aus nachvollziehbaren historischen Gründen eine Abneigung gegen diesen Heldentypus; das Martialisch-Heroische ist uns suspekt. Aber wie schon Joseph Campbell dargelegt hat, kann der Held in tausenderlei Gestalten auftreten. Christopher Vogler zählt folgende Beispiele auf:

Pazifist, Mutter, Pilger, Narr, Wanderer, Einsiedler, Erfinder, Krankenschwester, Künstler, Wahnsinniger, Liebender, Clown, König, Opfer, Sklave, Arbeiter, Rebell, Abenteurer, tragischer Versager, Feigling, Heiliger, Ungeheuer …

 

Schrecken durchleben, um Furcht zu überwinden

Der Held ist also nicht immer strahlender Sieger, und nicht jede Heldenreise steuert auf ein Happy End zu. Das gilt in der Kunst genauso wie im Leben. Mancher Held ist schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Er ist so schwer verletzt oder gestört oder hat eine so große Sünde begangen, dass Rettung ausgeschlossen ist. Othello ist paranoid, Emma Bovary genusssüchtig, Hamlet feige. Mit einer solchen Figur können wir schwer Mitleid haben, auch wenn sie noch so faszinierende Seiten hat. Die Schauder, die uns hier über den Rücken laufen, sind Schauder des Schreckens. Und genau das ist es, was eine Tragödie nach der Lehre Aristoteles’ auch bewirken soll: Reinigung von negativen Affekten (Katharsis). Indem wir Jammer und Schrecken durchleben, wird unsere Seele von eben jenen Gefühlen geläutert. Diese Heldenkonzeption verweist auf die Ohnmacht des Menschen und seine Abhängigkeit von Schicksal oder Gesellschaft; von freiem Wille ist kaum mehr die Rede. Der Held verändert sich nicht und lernt nichts dazu. Wir als Publikum aber schon. Denn wir bekommen vorgeführt, wie die conditio humana beschaffen ist und können unsere Lehren daraus ziehen.

Held ist, wer Mut findet

Ich glaube, dass der Mensch wenigstens einen Teil seines Schicksals selbst bestimmen kann, und so kann der scheiternde Held keine Hauptrolle in einer Reise übernehmen, die aus einem Storyteller einen Storypreneur machen soll. Wir sind real existierende Menschen mit all unseren Widersprüchen und Abgründen und werden uns daher kaum mit den fast übernatürlichen Kräften eines Romanhelden messen können. Oder doch? Welche Eigenschaften machen einen Charakter eigentlich zu einem Helden? Laut James N. Frey („The Key. Die Kraft des Mythos“) sind dies folgende:

  1. Der Held hat Mut (oder findet ihn im Verlauf der Geschichte).
  2. Der Held ist klug und einfallsreich.
  3. Der Held hat ein „besonderes“ Talent.
  4. Der Held ist ein „Outlaw“, der nach seinen eigenen Regeln lebt.
  5. Der Held ist gut in dem, was er tut.
  6. Der Held ist ein Protagonist (an irgendeinem Punkt der Geschichte übernimmt er die Führung in einer Angelegenheit oder bei einer Aktion).
  7. Der Held ist „verletzt“ worden (körperlich verwundet, gesellschaftlich kompromittiert, trauert um einen geliebten Menschen und so weiter) oder wird im Verlauf der Geschichte verletzt.
  8. Der Held wird von Idealismus geleitet – zumindest an einem beliebigen Punkt in der Geschichte.
  9. Der Held ist sexuell potent.

 

Wenn wir den letzten Punktes jetzt einmal beiseite lassen – ist diese Beschreibung wirklich so unrealistisch für einen kreativen Kopf, der sich zum Storypreneur entwickeln will? Held kann nur werden, wer vorher keiner war. Der Heldenstatus ist nicht die Voraussetzung der Heldenreise ist, sondern ihr Ergebnis. Der Dreh- und Angelpunkt ist die Entscheidung, sich überhaupt auf die Reise einzulassen: Held ist im Grunde schon, wer den Mut findet (Punkt 1), diese Schwelle zu überschreiten. Denn mit der Entscheidung, ein Solo-Business aufzuziehen, verlässt er die gesellschaftlich anerkannten Rollenmuster „Angestellter“, „Unternehmer“ oder „Dienstleister“ und wagt sich – smart wie er ist – in die noch neue, unbekannte Welt des Solopreneurship vor (Punkte 2, 4 und 6). Er tut dies, weil er den bisherigen Status quo aus ideellen und/oder materiellen Gründen nicht mehr aufrechterhalten kann oder will (die „Verletzung“ aus Punkt 7) und weil er entschlossen ist, eine Sache nur um der Sache willen zu tun (Punkt 8). Dass gelingt ihm umso besser, je besser er diese Sache beherrscht, je stärker er sich mit ihr identifiziert (Punkte 3 und 5) und je werthaltiger sie für seine Follower ist.

Die Freiheit, Großartiges zu tun

Was ist es unbedingt wert, getan zu werden? Das ist die in der Tat idealistische Frage, die sich ein werdender Storypreneur stellen muss. Denn sie zielt nicht darauf, einfach nur „sein Ding“ zu machen, sondern einen Wertbeitrag für die Welt zu leisten. Darin liegt etwas Generöses, Selbstloses, Opferbereites – und genau diese idealistische Haltung macht den Helden aus. Wenn er weiß, welche Sache er um der Sache willen tun will, kann er auch entscheiden, welche Art von Selbstverpflichtung er eingehen will. Ein skalierbares Programm zu entwickeln, dass echter Leidenschaft entspringt und echten Mehrwert liefert, erfordert Tatkraft, Ausdauer und Willensstärke. Vor allem aber erfordert es Mut. Alles Leben ist (wie Story) Veränderung, und jede Veränderung bringt Unsicherheiten mit sich. Denn das Unbekannte macht Angst, und die Kunst ist es laut Förster/Kreuz, diese Angst einfach zulassen und trotzdem zu handeln.

Und dann passiert oft etwas Wunderbares: Die Unsicherheit löst sich auf, sobald wir ins Handeln kommen … Die Angst ist der Preis der Freiheit. Der Freiheit, Großartiges zu tun.

 

Womit wir schlussendlich unser Elixier gefunden hätten. Es heißt: Freiheit.

Elixier im Film ‚Titanic‘

Das Elixier, das Rose in die gewohnte Welt mitnimmt, ist der unbedingte Wille zu einem freien, erfüllten, selbstbestimmten Leben. Das ist das finale Vermächtnis, das ihr Jack vor seinem heroischen Selbstopfer mitgegeben hat. Und sie sollte diesem Vermächtnis gerecht werden: Wir sehen eine Sequenz von Schnappschüssen, die eine mutige Abenteuerin zeigt - Rose als Pilotin in einem Flugzeug-Cockpit, Rose als Reiterin am Strand, Rose als Schauspielerin. Sie hat ein Leben für zwei geführt.