1. Gewohnte Welt

Ausgangspunkt der meisten Geschichten ist die gewohnte Welt des „Helden“ (er ist noch keiner!), seine alltägliche Umgebung. Wir lernen den Protagonisten kennen und spüren, dass ihm etwas fehlt. Dieser Mangel kann ein äußerer sein. Dann hat er vielleicht etwas (seine Gesundheit, seinen Job) oder jemanden (eine geliebte Person) verloren. Sein Ziel muss es also sein, dieses Wunschobjekt (in der Psychologie oft „want“ genannt) (wieder) zu erlangen.

Want und Need

Die faszinierendsten Figuren haben außer einem bewussten oft noch einen unbewussten Wunsch („need“), der dem bewussten widerspricht. Dieser Wunsch resultiert aus einem inneren Mangel. Es fehlt dem Protagonisten vielleicht an Reife, Einsicht oder Menschlichkeit und er zeigt sich überheblich, verbohrt, rachsüchtig, verbittert … Es können auch tief liegende Wunden, Traumata oder andere existenzielle Defizite sein, die an ihm nagen und sein gesamtes späteres Verhalten vorzeichnen.

Welche Konflikte der Protagonist bewältigen muss, um zu seinem äußeren Wunschobjekt zu gelangen, ist Gegenstand des Plots, also der äußeren Struktur der Geschichte. Wie er mit seinen unbewussten Defiziten umgeht, ist Gegenstand der Figurenentwicklung, also der inneren Dimension der Geschichte.

Storytelling als Werkzeug zur Persönlichkeitsentwicklung

Die Frage für Autoren ist nun, wie man einen solchen Charakter mit all seinen Widersprüchen, Potenzialen und Abgründen „baut“. Die Psychologie liefert mit der Transaktionsanalyse ein wertvolles Hilfsmittel, das nicht nur für Coaches und Therapeuten geeignet ist: Du bekommst ein Tool in der Hand, mit dem du dreidimensionale und stimmige Figuren entwickelst – und ganz nebenbei dich selbst analysierst. Denn auch als Autor – das ist eine Kernthese von storytella – bist du auf einer Heldenreise. Du kannst dein Autoren-Ich so entwickeln, wie du eine Romanfigur entwickelst.

Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich, Kind-Ich

Die Transaktionsanalyse arbeitet mit drei verschiedenen „Ich-Zuständen“ : dem Eltern-Ich, dem Erwachsenen-Ich und dem Kind-Ich. Das Eltern-Ich ist fürsorglich, aber auch bevormundend. Das Erwachsenen-Ich ist sachlich und lösungsorientiert, dafür aber auch emotionslos und unkreativ. Das Kind-Ich hingegen ist äußerst kreativ, aber in seiner Begeisterungsfähig oft auch egoistisch, trotzig und rücksichtslos.

Redet eine Figur nun mit einer anderen (oder sich selbst), tut sie das aus den verschiendensten Kombinationen von Ich-Zuständen heraus. Es kommt zu kommunikativen Wechselspielen („Transaktionen“), die oft völlig unbewusst ablaufen. Was für ein herrliches Instrumentarium ür Dialog- und Konfliktentwicklung, wenn z.B. die Ehefrau aus einen Eltern-Ich heraus ihren Mann ermahnt: „Was, heute Stammtisch? Betrink dich nicht wieder wie letzte Woche“, und dieser aus dem Kind-Ich heraus antwortet: „Kümmer dich um deinen eigenen Mist, ich saufe so viel ich will!“

Aber wir stehen noch ganz am Anfang der Heldenreise; noch hat der Protagonist dern Ruf zum Abenteuer nicht vernommen. Da ist ein Manko, eine Leere in ihm, und insgeheim stellt er die Sinnfrage. Doch noch scheut er davor zurück, diese Leere zu füllen.

Die gewohnte Welt des Werbetexters

Auch wir Mitglieder der schreibenden Zunft stellen uns gelegentlich die Sinnfrage. Beispiel Werbetexter: Dessen „gewohnte Welt“ ist es, in fremdem Auftrag über fremde Produkte oder Dienstleistungen zu schreiben – oft solche, über die er von Haus aus wenig weiß und mit denen er sich nicht identifiziert. Sollen die Texte ihre verkäuferischen Zweck erfüllen, muss er ein hohes Maß an kreativer Energie und rhetorischer Rafinesse aufbringen, um sie einigermaßen glaubwürdig und authentisch zu gestalten.

Rhetorik ist immer ein Mix aus Überredung und Überzeugung. Das Deutsche unterscheidet die Begriffe klar; im englischen „persuasion“ hingegen schwingt beides mit. Vielleicht deshalb (und aufgrund anderer geschichtlicher Erfahrungen) sind die englischsprachigen Länder Marketing-affiner.

Überzeugen kann nur, wer selber überzeugt ist. Wer dauerhaft sein Herzblut in Angelegenheiten legt, die nicht wirklich von Herzen kommen, begibt sich in ein Dilemma: Das Autoren-Ich (das im Grunde dem kreativen Kind-Ich entspricht) liegt im Widerstreit mit dem Dienstleister-Ich (dem pragmatischen Erwachsenen-Ich), weil beide unterschiedliche Ziele mit unterschiedlichen Motivationen verfolgen. Das eine will „nur spielen“ (im Sinne eines zweckfreien kreativen Selbstausdrucks), das andere will einen Job erledigen (zum Zweck der Existenzsicherung).

Der äußere Mangel eines Auftragstexters liegt im Zwang zur Selbstvermarktung. Der innere in der fehlenden kreativen Autonomie.

Raus aus der Dienstleisterfalle

Hinzu kommt noch eine systemische Falle: Wer seine Arbeitskraft als Selbstständiger nach der Gleichung Zeit gegen Geld anbietet, landet unweigerlich in der berühmten Dienstleisterfalle. Er ist ganz von seinen Auftraggebern abhängig, kann den Inhalt seiner Arbeit also nicht selbst bestimmen. Außerdem kann er nur 1:1 arbeiten, also einen Auftrag nach dem anderen abwickeln und dafür jeweils einmal Honorar kassieren. Der Romanautor hingegen kann skalieren, denn er arbeitet 1:x. Er schreibt einmal ein Buch und kassiert dann bei jedem Verkauf (wieviel, steht auf einem anderen Blatt).

Im Sinne der Heldenreise ist unser Werbetexter also ein blockierter Held – er verharrt in einer für ihn unbefriedigenden oder sogar destruktiven Situation. Denn er kann (noch) nicht die beste Version seiner selbst werden (also ein Held), solange er nicht die Tätigkeit ausübt, zu der er eigentlich berufen ist, und zwar auf selbstbestimmte und autonome Art und Weise. Aber diese Erkenntnis hat es noch nicht in sein Bewusstsein geschafft. Dazu muss er noch viele Stationen durchlaufen. Zunächst aber muss er begreifen, dass Handlungsbedarf besteht. Nur dann kann er den Ruf zum Abenteuer überhaupt vernehmen.

Gewohnte Welt im Film „Titanic“ (USA 1997)

Die beiden Helden der Haupthandlung sind Rose und Jack. Sie ist die schöne, aber unglückliche Tochter einer intriganten Oberschichten-Mutter, die sie in eine Ehe mit einem reichen, aber tyrannischen Schnösel drängen will. Er ist ein mittelloser Abenteurer, der das hat, was ihr fehlt: Freiheit und Selbstvertrauen. Roses Herausforderung wird es sein, ihre Ohnmacht erst anzuerkennen, um sie dann zu überwinden und schließlich zu einem selbstbestimmten Leben zu finden. Jacks Herausforderung wird es sein, die Liebe seines Lebens zu finden und gesellschaftlich aufzusteigen. Dazu müssen beide aber vorher noch ein klitzekleines äußeres Problem meistern: den Untergang der Titanic zu überleben.

Stationen der Heldenreise

Gewohnte Welt