8. Entscheidende Prüfung

Die entscheidende Prüfung ist die Mitte der Geschichte – dramaturgisch und psychologisch. Sie zeigt die notwendige Konfrontation, auf die sich ganze Geschichte von Anfang an hinzubewegen scheint, und auf die der Leser, Zuschauer oder Zuhörer hingefiebert hat. Sie ereignet sich üblicherweise auf halber Strecke der Heldenreise, bei einem Dreiakter etwa in der Mitte des zweiten Aktes. Hier trifft der Held auf die mächtigsten antagonistischen Kräfte seines Daseins. Hier wird seine Willenskraft aufs Härteste geprüft.
Dieser ultimative Gegner kann ein Mensch sein, meist der Gegenspieler des Helden. Er kann aber auch eine Naturgewalt sein wie ein Erdbeben, eine Eiszeit oder ein Komet. Oder er ist ein innerer Dämon, der die größten Ängste, Neurosen, Traumata des Helden verkörpert.
Der  Kampf ist so hart, weil der Held vor einem echten Dilemma steht. Er muss sich zwischen zwei scheinbar gleich üblen Auswegen entscheiden, ohne die Entscheidung jemals revidieren zu können. Macht oder Liebe, Selbstsucht oder Opfermut, Vertrauen oder Kontrolle – er muss sich entscheiden.

„Geh mit der Kraft!“

Als Luke Skywalker in Krieg der Sterne den Todesstern angreift, versucht er erfolglos, dessen verwundbarste Stelle zu treffen. Während er sich vom Bordcomputer führen lässt, hört er die Geisterstimme seines Mentors Obi-Wan Kenobi: „Geh mit der Kraft, geh mit der Kraft.“ Das ist sein Dilemma: Vertraut er auf den eigenen Instinkt und damit auf die Fähigkeiten, die Obi ihm beigebracht hat, oder lässt er doch lieber von der überlegenen Technik leiten? Er entschiedet sich für den Instinkt, feuert ein Torpedo ab und trifft. Jetzt ist er zurückgeworfen auf sein tiefstes Sein; jetzt enthüllt sich sein wahrer Wertekern. Aufschieben lässt sich der Konflikt aufgrund des gegnerischen Drucks nicht mehr, die Zeit der Weigerungen ist endgültig vorbei.

Tod und Wiedergeburt

Oft ist diese entscheidende Prüfung ein Kampf auf Leben und Tod. Das kann den Tod im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne bedeuten: Auch das Scheitern eines Projekts, das Ende einer Beziehung, die Ablösung eines alten Wertesystems durch ein neues hat etwas von „Absterben“ in sich. Es muss nicht der eigene Tod sein, sondern kann auch der einer nahestehenden Person sein. In der Regel übersteht der Held diese Todeserfahrung und wird auf magische Weise wiedergeboren. Er macht also eine tiefe Transformation durch, einen Moduswechsel, der ihn überhaupt erst zur finalen Verwandlung befähigt – zum endgültigen Sieg über seine äußeren Gegner und inneren Dämonen.

Bitterer Tod, süßes Leben

Warum berührt uns eine solch dramaturgisch vermittelte Todeserfahrung? Weil es – so prosaisch das klingt – schön ist, wenn der Schmerz nachlässt. Bungee-Jumping, Fallschirmspringen, Achterbahnfahrten mit Todeslooping – wir lassen uns den Nervenkitzel der gefühlten Todesnähe einiges kosten. Christopher Vogler erklärt es so: „Der bittere Geschmack von Tod läßt die Süße des Lebens um so deutlicher werden. Wer schon einmal dem Tod entronnen ist, weiß, dass danach alle Farben bunter wirken …“

„Ach nein, jetzt lieber doch noch nicht“

Viele schreibende „Heldenreisende“ kommen über die Entscheidungsphase allerdings nie hinaus. Über eine Neuausrichtung zu philosophieren, ist einfach viel gemütlicher als tatsächlich eine zu riskieren. An dieser Stelle tritt die zyklische Struktur der Heldenreise zutage: Eine Story ist eine Dynamik ineinander verschränkter Handlungen, keine lineare Kausalitätskette. Wir können viel und müssen wenig. Man kann immer wieder Rufe hören, die zu einer persönlichen oder beruflichen Neuorientierung drängen und man kann sich diesen Rufen immer wieder verweigern. Man kann sich immer wieder Rat holen bei echten oder vermeintlichen Mentoren, sich immer wieder bis kurz vor die Schwelle wagen – nur um dann den immer gleichen Stoßseufzer loszulassen: „Ach nein, jetzt lieber doch noch nicht.“

Fühle selbst, übe selbst, denke selbst

Wir können den Stoßseufzer verstehen, weil wir die persönlichen und kulturellen Trägheiten kennen, die dahinterstecken. Für Peter Sloterdijk sind diese Trägheiten nichts anderes als ein Synonym für Identität. Identitätsinhaber wollen nicht sagen: „ich bin das, was ich habe“, sondern sie wollen sagen: „ich bin, das, was mich hat.“ Sie haben Angst, das bisher Erreichte aufs Spiel zu setzen und meiden das Unvorhersehbare.

Aktiv statt Passiv

Dem setzt Sloterdijk seinen Imperativ „Du muss dein Leben ändern“ entgegen. Er entwirft ein Selbstaktivierungsprogramm, das dieses Besessen-Sein auf drei Ebenen überwindet. Der Mensch soll

  • Emotionen nicht passiv er-leiden, sondern sie bewusst leiden und zum Könner der Leidenschaft werden
  • nicht von Gewohnheiten und Ritualen besessen sein, sondern sie auch besitzen
  • nicht vorgestellte Ideen konsumieren, sondern sich logisch stabile Ideengebäude gezielt vorstellen.

„Subjekt wird…, wer an einem Programm zur Entpassivierung seiner selbst teilnimmt und vom bloßen Geformtsein auf die Seite des Formenden übertritt.“ (Peter Sloterdijk)

Storytelling ist aktives Träumen

Hier ist es wieder, das Übertreten der Schwelle von einer passiven in eine neue aktive Existenzform. Hinter dem „Programm zur Entpassivierung seiner selbst“, das Sloterdijk hier vorschlägt, verbirgt sich nichts anderes als das Modell der Heldenreise: Wer die eigene künstlerische Berufung leben will, darf sich nicht nur vor-gefühlten Emotionen hingeben, sondern muss sie auch bewusst erzeugen, darf sich nicht nur einem außengesteuerten Alltagsrhythmus unterwerfen, sondern muss sich eine eigene Struktur schaffen, darf nicht nur vorgefertigte Gedanken konsumieren, sondern muss selbst welche erschaffen. Was ist Storytelling anderes als dramatisiertes Fühlen, ritualisiertes Üben, aktives Träumen?

Krise nicht gleich Höhepunkt

Was nicht ganz leicht zu verstehen ist: Die zentrale Krise ist die entscheidende Prüfung des Helden auf seiner Reise zum wahren Ich. Aber sie ist nicht der Höhepunkt der Geschichte. Die zentrale Krise muss kein dramatisch ausgearbeitetes Ereignis sein. Der Augenblick, in dem wir den empfindlichsten Punkt unseres Dasein, den Grund unsere Seele berühren, kann ein ganz und gar unspektakulärer, intimer Moment der Erkenntnis sein. Wichtig ist nur, dass wir den Mut aufbringen, uns diesem Augenblick der Wahrheit überhaupt zu stellen.

Zur Erinnerung: Wir befinden uns erst in der Mitte der Geschichte. Der Held mag sich seinen inneren Dämonen gestellt haben, aber der Kampf ist noch lange nicht vorbei. Der Höhepunkt der Geschichte kommt erst noch, und zwar gegen Ende des dritten Aktes, wenn der Held bereits auf dem Rückweg in die gewohnte Welt ist.

Die entscheidende Prüfung in 'Titanic'

Die entscheidende Prüfung in der Liebesgeschichte Rose/Jack ist die Liebesszene im Bauch des Schiffes, den man auch als tiefste Höhle sehen kann. Beide haben ihr alte Leben abgestreift (ohnmächtige höhere Tochter/streunender Abenteurer) und brechen nun zu einer neuen Existenz als Liebende auf. Ihr Leben hat einen Sinn bekommen. Viel Zeit, ihre Liebe zu leben, bleibt den beiden nicht. Denn es kommt die entscheidende Prüfung für die Titanic; sie wird sie nicht bestehen. Das angeblich unsinkbare Schiff streift einen Eisberg. Nach einem langen, dramatischen Todeskampf sinkt es - und viele Passagiere mit ihm. Gott oder das Schicksal oder die Natur bestraft die Hybris des Menschen. 'Ihr seid sterblich', lautet die unüberhörbare Botschaft.