6. Bewährungsproben

Bisher hat sich unser Held „nur“ mit den Vorbereitungen zu der großen Reise befasst, doch jetzt hat das risikolose Spekulieren ein Ende. Es geht an die Umsetzung des theoretisch Beschlossenen. Wer schon das Überschreiten der Schwelle ungemütlich fand, wird sich in der Phase der Bewährungsproben auf noch mehr Ungemach einstellen müssen. Der werdende Held gewinnt Verbündete, macht sich Feinde und lernt allmählich die Regeln der neuen Welt kennen. Er stößt auf Widerstand, um daran zu wachsen.

Der Gestaltwandler als Katalysator

Ein solcher Widerstand kann auch in der Maske des Gestaltwandlers auftreten. Das ist eine archetypische Figur, die sich ständig zu verändern scheint. Die unvermittelt Kleidung, Frisur oder Sprache wechselt. Gerade diese Figur stellt die Unterscheidungsfähigkeit des Helden zwischen Freund und Feind auf eine harte Bewährungsprobe: Kann ich ihm wirklich vertrauen? Liebt sie mich wirklich? Spielt er mir nur etwas vor? Das sind die Fragen, die sich der Held stellt, wenn er es mit einem Gestaltwandler zu tun bekommt. Und genau das ist dramaturgisch so gewollt: Der Gestaltwandler soll Zweifel und Spannung in die Story bringen. Er soll den Helden in die Irre führen und vor Rätsel stellen, um ihn dadurch zu neuen Konfrontationen zu treiben. Dramaturgisch wirkt dieser Archetypus wie ein Katalysator, indem er für Veränderung sorgt und die Story vorantreibt.

Anima und Animus

Gestaltwandler gehören oft dem jeweils anderen Geschlecht an, was auf ihre psychologische Funktion hinweist. Nach der Analytischen Psychologie von C. G. Jung repräsentieren sie die Energien von Anima und Animus, jener gegengeschlechtlichen Elemente des männlichen bzw. weiblichen Unbewussten, die ein „kompletter“ Mensch (also ein Held im Sinne von Storytelling) in sich zu integrieren versteht. In der Realität werden Männer von der Gesellschaft auf „typisch männliche“ Verhaltensweisen wie Rationalität, Durchsetzungsvermögen und Machtbewusstsein festgelegt, während Frauen mit Empathie, Intuition und Emotionalität in Verbindung gebracht werden. Beide Geschlechter haben die Tendenz (gewollt oder ungewollt), die komplementären Eigenschaften des jeweils anderen zu unterdrücken. Eben darauf macht der gegengeschlechtliche Gestaltwandler  aufmerksam.

Die Femme fatale als Gestaltwandlerin

Wahre Helden streben also danach, ihre unbewusste weibliche Seite zu entdecken und in eine neue psychische Ganzheit zu integrieren, wahre Heldinnen suchen umgekehrt ihr unbewusst männlichen Anteile. Die Herausforderung besteht darin, den wahren Charakter des Gestaltwandlers zu erkennen: Animus und Anima treten keineswegs nur als Helfer des Helden auf, hinter ihrer Maske können sich auch die schlimmsten Feinde verbergen. In der Spielart der Femme fatale z.B. tritt die Anima als nach außen hin schöne, kluge und begehrenswerte Ausnahmeerscheinung auf, die im Innern doch nichts anderes ist als eine kalte, manipulative Zerstörerin.

Story ist Konflikt

Wir sehen also: Wenn der Held die neue, gefährliche Welt des zweiten Aktes betreten hat, nimmt die Dynamik der Geschichte deutlich an Fahrt auf. Und Dynamik bedeutet immer Konflikt:

Nichts bewegt sich in einer Story voran außer durch Konflikt“ (Robert McKee)

Die Konflikte trägt der Held nach Robert McKee („Story, die Prinzipien des Drehbuchschreibens“) auf drei Ebenen aus – am besten auf allen drei gleichzeitig: einer inneren, einer persönlichen und einer außerpersönlichen Ebene. Die innere Ebene ist die Welt unserer eignen Gefühle, Gewohnheiten und Gedanken, die enorme Trägheitskräfte entfalten können. „Meist sind wir selbst unser ärgster Feind“, schreibt Robert McKee. Die zweite Ebene betrifft die tiefen persönlichen Beziehungen zu wenigen uns nahestehenden Menschen. Die dritte Ebene betrifft alle gesellschaftlichen Konflikte, die außerhalb des persönlichen Rahmens stattfinden – wie die zwischen Lehrer und Schüler, Eltern und Kind, Bürger und Staat, Kunde und Unternehmen.

Konflikt ist Story

Konflikt (und damit Story) entsteht immer dort, wo eine Handlung des Protagonisten nicht das gewünschte Ergebnis zeitigt. Der innere, persönliche oder gesellschaftliche Gegner reagiert also anders als es der Held erwartet hat. Er ist zu einer Anschlusshandlung gezwungen, um sein bewusstes oder unbewusstes Wunschobjekt doch noch zu gewinnen. Was meistens wieder nicht zum Ziel führt, so dass er zu einer weiteren Anschlusshandlung gezwungen wird – usw., usw. Im Ergebnis haben wir eine Serie von Mini-Plots, in denen die Kluft zwischen Erwartung und Ergebnis immer größer wird,  immer mehr auf dem Spiel steht – bis zur entscheidenden Prüfung, bei der sich die Spannung mit einem großen Knall entlädt.

Bewährungsproben im Film 'Titanic'

Rose ist von den gesellschaftlichen Zwängen so in die Enge getrieben, dass sie vom Schiff springen will - doch da eilt Jack zu ihrer Rettung herbei. Von diesem Augenblick an sind sie Verbündete. Jacks erste Bewährungsprobe ist es, das Dinner in der Ersten Klasse zu meistern, zu dem er als Dank für Roses Rettung eingeladen wurde. Der Unterschichten-Junge muss es mit dem Snobismus seiner Oberklassen-Feinde aufnehmen, die ihn der Lächerlichkeit preisgeben wollen. Er besteht die Prüfung - auch dank der Hilfe seiner Mentorin Molly Brown - mit Bravour. Ebenso bravourös besteht Rose ihre Prüfung im Bauch des Schiffes, wo sie an einem wilden Sauf- und Tanzgelage teilnimmt. Dort unten, in der Dritten Klasse, beweist die hohe Tochter, dass sie durchaus zu leidenschaftlicher Sinnlichkeit fähig ist. Beide bestehen noch viele weitere Bewährungsproben gegen jede Menge Feinde und Schwellenhüter, darunter Roses Verlobter und dessen Handlanger Lovejoy (man beachte die Namenswahl!) sowie Roses Mutter. Roses letzte Bewährungsprobe wird es sein, den Auftrag ihres sterbenden Geliebten zu erfüllen und zu überleben. Mit letzter Kraft schwimmt sie zu der vorbeitreibenden Leiche eines Offiziers, nimmt ihm die Signalpfeife aus dem Mund und ruft ihre Retter herbei.