9. Belohnung

Nachdem der Held die (symbolische oder konkrete) Begegnung mit dem Tod überlebt hat, nimmt er eine Belohnung mit nach Hause – ein materielles oder immaterielles Gut, für dessen Eroberung er die gewohnte Welt verlassen hat. Dieses „Bonbon“ – ein Schatz, ein Elixier, ein geheimes Wissen oder ein tiefe Erkenntnis – kann er paradoxerweise sowohl durch einen fulminanten Sieg über seine Antagonisten als auch durch eine schwere Niederlage erringen. Mancher Sieg erweist sich im Nachhinein als Niederlage, manche Niederlage als Sieg.

Lagerfeuer-Romantik

Jedenfalls hat er das Initiationsritual überstanden, ist in eine neue Dimension vorgedrungen, hat etwas Wichtiges über sich und die Welt begriffen, etwas Entscheidendes gelernt oder durchschaut. Die Gefahr scheint vorläufig gebannt zu sein, weshalb an dieser Stelle der Heldenreise oft das Tempo gedrosselt und die Spannung herausgenommen wird. Der Held und seine Gefährten sammeln sich an einer Art Lagerfeuer oder zu einem Festmahl, lassen die vergangenen Abenteuer Revue passieren, feiern sich selbst und das Leben, versichern sich ihrer Solidarität und schöpfen neue Kräfte.

Überwinden der alten Identität

In „Der mit dem Wolf tanzt“ geht US-Lieutenant John Dunbar mit den Lakota auf Büffeljagd – eine Art Initiationsritus. Er begegnet dem Tod auf zweierlei Arten. Erstens rettet er einen jungen Indianer in allerletzter Sekunde davor, von einem wild gewordenen Büffel überrannt zu werden. Zweitens legt er, indem er als gleichberechtigtes Stammesmitglied an dem „heiligen“ Ritual der Büffeljagd teilnimmt, seine alte weiße Identität ab. Die Jagd gerät den Indianern dank der von den Weißen erbeuteter Gewehre zum Triumph. Dunbar wird am Lagerfeuer als Held gefeiert und muss immer wieder erzählen, wie er den angreifenden Büffel zur Strecke gebracht hat. Aber auch an dieser Station der Heldenreise gilt: Noch hat unser Protagonist kein Recht auf den Heldentitel, er ist lediglich Anwärter darauf. Denn der Antagonist schläft ja nicht. Der Seitenwechsel des Offiziers Dunbar zu den „primitiven“ Wilden muss von seinen Ex-Kameraden als Hochverrat wahrgenommen werden. Als Zuschauer spüren wir: Das große Finale kommt erst noch.

Alle Storyteller wollen Menschen bewegen

Der Wandel des John Dunbar ist ein schönes Sinnbild für den Identitätswechsel, dem sich ein Autor oder Journalist oder Texter oder Marketer auf dem Weg zum Storypreneur stellen muss. Es geht darum, aus der Nischenidentität herauszukommen und sich – sagen wir als Autor – nicht mehr danach einzuordnen, welche Märkte man über welche Medien mit Hilfe welcher Darstellungsformen bedient:

Ich bin klassische Verlagsautorin im Special-Interest-Markt und schreibe Lebenshilfe-Ratgeber für werdende Mütter.

Vielmehr sollten wir uns fragen, was wir mit unserer Tätigkeit erreichen wollen. Eine Sachbuchautorin möchte Menschen weiterbringen, ihnen Einsichten oder Fähigkeiten vermitteln. Sprich, sie will sie bewegen. Wie das auch ein Werbetexter will, der Leser zu Käufern oder Empfehlern machen will. Oder (im übertragenen Sinne) ein Romanautor, der seine Leser emotional bewegen will.

Die Arbeitsbeschreibung des Storytellers geht also nicht von einer Identitätszuschreibung aus („Ich bin xy…“), sondern von einer viel weiter gefassten Zielbeschreibung („Ich will bewegen“). Und bewegen kann man Menschen in ganz unterschiedlichen Rollen: als Unterhalter, Lehrer, Verkäufer oder Berater. Aber immer mit derselben Methodik: der Methodik des Storytelling.

Ein „Tod“, der sich zu sterben lohnt

Wer diese Handwerk des emotionalen „Involvements“ beherrscht, kann sich in vielen Märkten gleichzeitig tummeln: im Kunst- und Kulturbetrieb ebenso wie im Journalismus und der Publizistik, in der Wirtschaft ebenso wie im Coaching und Consulting, in der Wissenschaft ebenso wie im wachsenden Edutainment-Markt. Der Identitätswechsel ist also ein „Tod“, der sich im Sinne der Heldenreisen-Dynamik durchaus zu sterben lohnt. Denn durch ihn gelangen wir zu der Erkenntnis, dass wir mehr sein können als „nur“ Autoren, Texter, Berater – nämlich Menschenbeweger. Das ist eine Art Selbstermächtigung. Wir bekommen einen anderen Blick für unsere Möglichkeiten und können ganz neue Ziele definieren. Wir begreifen, dass wir das Drehbuch unseres Lebens sehr wohl (mit)schreiben können, sofern wir bereit sind, uns von alten Gewissheiten und Gewohnheiten zu verabschieden und damit ins Risiko zu gehen. Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit ist die „Belohnung“ für die bisherigen Anstrengungen.

Best Practice: Frank Schätzing

Frank Schätzing stammt aus der Werbebranche und hat mit „Der Schwarm“ einen internationalen Bestseller gelandet. Darin bedroht eine unbekannte Schwarmintelligenz aus der Tiefsee die Menschheit in ihrer Existenz. Das Buch wird bei Amazon als „Ökothriller“ beworben, aber mit dem Begriff „dramatisiertes Sachbuch“ trifft die Berliner Zeitung das Genre wohl besser. Denn der Faktenreichtum dieses 1000-Seiten-Wälzers spricht einer Warnungen Hohn, die so oder ähnlich in einem Schreibratgebern stehen könnte: Achtung, Infodump: Vermeide Informationsüberflutung! „Frank Schätzing weiß so gut wie alles über das Meer – und gibt sein Wissen nur zu gern weiter“, urteilt die Berliner Zeitung völlig zurecht, und „tut nun genau das, wozu ihm jeder Werbefachmann geraten hätte. Er schreibt über das Meer, diesmal ohne Rahmenhandlung, und veröffentlicht sein Buch in dem von ihm entworfenen, identischen Design.“

Das ist exakt der Ansatz von storytella: Erarbeite dir Expertenstatus in einem Sachgebiet, mache das Thema durch die Mittel des Storytelling konsumierbar und vermarkte es crossmedial und genreübergreifend in Form eines skalierbaren Programms. Schätzing präsentiert sich in verschiedenen Rollen auf unterschiedlichen Bühnen: Als Hybrid-Autor (Sachbuch/Roman) auf dem Buchmarkt, als Live-Entertainer auf der Bühne, als Präsentator seiner eigenen Film-Dokus im Fernsehen. Inzwischen ist er nicht nur Meeres-, sondern auch Weltraum- und Nahost-Experte.

Bessere Work-Life-Balance durch smartes Geschäftsmodell

Ein solcher Einsatz fordert seinen Tribut. Schätzing selbst sprach im Fokus offen von seinen inneren „Dämonen“: Er kenne „die ganze Klaviatur des Selbstzweifels, inklusive Burn-out. Es gab Zeiten, da war mir alles zu viel, die ganze Klotzerei hatte nur dazu geführt, dass ich nicht mehr weiterwusste.“

Wer auf eine sinnvolle Work-Life-Balance hinarbeitet, dem sei der smarte – weil einfache, leichte und risikominimierte – Weg empfohlen, den B. und E. Conta Gromberg mit ihren Smart Business Concepts vorschlagen:

  • Fokussiere dich auf ein Kernthema, das einen starken Kundenbedarf befriedigt
  • Positioniere dich als Experte mit Wissensprogramm oder Entertainer mit Erlebnisprogramm
  • Biete als Experte z.B. Bücher und Seminare zu einem Thema an, als Entertainer eine Buch- oder Veranstaltungsreihe zu einem Thema an
  • Halte die Strukturen einfach und denke in Prozessen
  • Nutze die Kraft des Internets und arbeite mit Komponenten.

 

Das Solopreneur-Prinzip übersetzt storytella in das Storypreneur-Prinzip: Der Storypreneur ersetzt seine alte Autoren-Identität durch eine übergeordnete Storyteller-Identität. Sein Ziel ist es, Menschen zu bewegen – schreibend, lehrend, beratend. Sein Ziel ist nicht zuerst Geld, Ruhm oder Status. Sein Ziel ist ein Maximum an Freiheit, Selbstbestimmung und Sinnerfüllung. Das Geld ist die Folge der Resonanz, die er beim Publikum erzielt – also das Ergebnis seines Handelns, nicht der Tauschwert.

Belohnung im Film Titanic

Jack und Rose haben in ihrem Liebeserausch eine Art Tod und Widergeburt erlebt. Sie haben ihre alten Identitäten als unglücklcihe Zwangsverlobte und einsamer Abenteurer abgelegt und wissen jetzt, dass sie zusammengehören und immer für einander da sein werden. Dieser mystische Bund bis in den Tod (und darüber hinaus) wird sofort auf die grausamst mögliche Probe gestellt: das Sinken der Titanic. Rose hat die Möglichkeit, eines der wenigen Rettungsboote zu besteigen. Aber sie spürt, dass ihr verhasster Verlobter Cal aus Eifersucht dafür sorgen wird, dass Jack auf dem Schiff bleibt und in den sicheren Tod geht. Also steigt sie wieder aus dem Boot und kämpft sich auf das Deck zurück. Sie riskiert also den eigenen Tod, nur um mit ihrem Geliebten zusammenbleiben zu können.