11. Wiedergeburt

Nachdem der Held bereits während der entscheidenden Prüfung in der Mitte der Geschichte bereits eine Art Wiedergeburt erlebt hat, wird er jetzt einer allerletzten Prüfung unterzogen. „Die Mächte des Todes und der Finsternis holen zu einem letzten, verzweifelten Schlag aus, ehe sie endgültig besiegt werden“, schreibt Christopher Vogler in „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“. Es ist die entscheidende Nagelprobe für den Held: Jetzt muss er beweisen, ob er die Lektionen aus den vorausgegangenen Kämpfen wirklich gelernt hat. Wenn dem so ist, kehrt er als erneut verwandeltes, „wiedergeborenes“ Wesen in die gewohnte Welt zurück.

Tod und Wiedergeburt in „Der mit dem Wolf tanzt“

In „Der mit dem Wolf tanzt“ hat John Dunbar seinen Identitätswechsel zum Indianer bereits vollzogen, als ihm einfällt, dass er sein Tagebuch in dem einsamen Außenposten vergessen hat, auf den man ihn zu Beginn des Films geschickt hatte. Dieses Buch will er unbedingt vor den weißen Soldaten retten, da die darin enthaltenen Informationen sie zu seiner neuen „Familie“ führen könnten – was deren sicheren Tod bedeuten würde.

Seine entscheidende Prüfung war der Kampf gegen die Pawnee: Er hatte das rettende „Elixier“ besorgt – in Fort Segdwick versteckte Feuerwaffen – und seinem Stamm dadurch zu einem triumphalen Sieg gegen ihre Erzfeinde verholfen. Er hat sein Leben für seine neuen Freunde riskiert und wird zum Dank dafür in den Stamm aufgenommen. Auf die Todeserfahrung folgt also eine Art Wiedergeburt. Besiegelt wird sie durch die Hochzeit mit „Steht mit einer Faust“, einer geborenen Weißen, die er vor dem Selbstmord bewahrt hatte (ein weiteres Tod-und-Wiedergeburt-Erlebnis).

Nun also der allerletzte, finale Kampf gegen einen Gegner, der faktisch unüberwindbar ist. Im Fort warten bereits die Soldaten auf ihn. Er wird in Ketten gelegt und schwer misshandelt. Als die Soldaten ihn nach den Indianern befragen, antwortet er in deren Sprache: „Mein Name ist ‚Der mit dem Wolf tanzt‘…“ Er weiß, dass er damit sein Todesurteil gefällt hat: Er wird als Verräter am Galgen hängen.

Doch sein Stamm lässt ihn nicht im Stich und rettet ihn in einer überfallartigen Aktion, wobei er selbst einen Weißen umbringt. Die Indianer töten seine Bewacher bis auf den letzten Mann – der Hass der gesamten US-Army ist ihnen sicher. Und ‚Der mit dem Wolf tanzt‘ hat sich jede Rückkehr in die weiße Gesellschaft für immer verbaut; er wird künftig als Vogelfreier gejagt werden.

Das wahre Kennzeichen des Helden: Opferbereitschaft

Sein Dilemma: Bleibt er bei seinem Stamm, liefert er viele unschuldige Menschen dem Tod aus. Geht er, liefert er sich selbst und seine Frau dem Tod aus. Jetzt steht also nicht mehr nur sein Leben auf dem Spiel, sondern das seines ganzen Volkes. Dies ist das Kennzeichen des finalen Kampfes: Der Einsatz erhöht sich nochmals dramatisch. In Gefahr ist jetzt nicht allein der Held, sondern zugleich seine Welt (hier: sein Stamm). Wie er damit umgeht, wird letztlich erweisen, ob er sich am Ende Held nennen darf oder nicht. Womit wir auch die Frage beantworten können, was ein Held überhaupt ist: Ein Held ist nicht notwendigerweise ein besonders starker oder tapferer Mensch. Das wahre Kennzeichen des Helden, sagt Christopher Vogler, sei seine Opferbereitschaft:

Der Held ist jederzeit dazu bereit, etwas sehr Wertvolles - vielleicht sogar sein eigenes Leben - um eines Ideals oder der Gemeinschaft willen zu opfern.

Eine echte Entscheidung ist ein Dilemma

Robert McKee merkt in „Story, Die Prinzipien des Drehbuchschreibens“ an, dass es in diesem entscheidenden Moment der Geschichte nicht um Gut gegen Böse oder Richtig gegen Falsch geht. Denn aus der Sicht der weißen Soldaten ist Dunbar ja tatsächlich zum Feind übergelaufen. Ihn als Verräter an den Galgen zu bringen, ist nicht nur Rachsucht, sondern auch Pflichterfüllung. Und Dunbar als ‚Der mit dem Wolf tanzt‘ sagt nach seiner Befreiung ausdrücklich, es sei gut, die Weißen getötet zu haben. Denn er sieht die Welt jetzt aus den Augen einer indigenen Kultur, die kurz vor ihrer Auslöschung steht. Er macht sein Naturrecht auf Selbstverteidigung geltend.

Die Soldaten müssen also so handeln, wie sie handeln, die Indianer aber auch. Aber nachdem er zu seinem Stamm zurückgekehrt ist, steht er vor einem echten Dilemma: Bleiben und andere gefährden oder gehen und (nur) sich selbst gefährden? Laut Robert McKee gibt es zwei Arte von Dilemmata:

  • Eine Entscheidung zwischen unvereinbaren Gütern. Die Figur will beide Dinge, muss sich aber für eines entscheiden.
  • Eine Entscheidung für das geringere von zwei Übeln. Die Figur will keines der beiden Dinge, muss sich umständehalber aber dennoch für eines entscheiden.

 

Das ist die Situation Dunbars: Um seinen Stamm nicht zu gefährden, muss er sich von ihm trennen und alleine mit seiner Frau weiterziehen. Er opfert also das größte Gut, das er im Verlauf seiner Heldenreise erworben hat – die Geborgenheit in einer Gruppe, zu der er sich wahrhaft zugehörig fühlt und in der er wahrhaft Mensch sein kann – und zieht alleine in eine ungewisse Zukunft. Er wird wieder zum „einsamen Wolf“ – genau wie jener, der ihm bei seinem Abschied vom Felsen hoch oben nachheult.

Der Held steht für die Suche nach Ganzheit und Identität

Wenn wir Story als Kampf um Veränderung im Sinne von Reifung begreifen, dann ist diese Station der Heldenreise als abschließender Versuch zur Reifung zu betrachten. Im ersten Akt muss der Held für gewöhnlich seinen Widerwillen vor der Veränderung überwinden, im zweiten Akt unternimmt er immer wieder Versuche zur Veränderung, im dritten Akt verändert er sich dann wirklich. Und zwar indem er alle Fähigkeiten und Erkenntnisse anwendet, die er während seiner Heldenreise gelernt hat. Dunbar hat die Liebe und Solidarität einer Gruppe erfahren – erstmals in seinem Leben fühlt er sich zugehörig. Dieser Liebe kann er nur gerecht werden, indem er auf sie verzichtet. Das ist die Tragik, das ist aber auch die Größe dieser Geschichte.

Hier wird deutlich, wofür der Archetypus des Helden steht und warum er alle anderen gängigen Archetypen gleichsam in sich vereint: Der Held symbolisiert die Suche des Menschen nach Ganzheit und Identität. Im Verlauf dieser Suche trifft er auf allerlei Lehrer und Führer, Teufel und Dämonen, Geliebte und Gefährten, Verräter und Verführer. Diese Figuren mögen ihm fremd erscheinen, sind aber im Grunde nur Aspekte seiner eigenen Persönlichkeit. Gelingt es ihm, seine Tages- und Nachtseiten, sein Yin und Yan zu integrieren, kann er „ganz“ werden im Sinne einer mit sich selbst versöhnten Wesenheit, die in der Lage ist, ihre besten Potenziale zu entfalten und nicht nur für sich selbst zu leben, sondern auch für die Welt.

Warum du bloß nicht ‚dein Ding‘ machen solltest

So esoterisch das klingen mag, aber genau dieser Ansatz steht hinter dem Smart-Business-Konzept, der aus Storytellern Storypreneure macht: „Held“ wird nicht, wer einfach nur „sein Ding“ macht, sondern wer einen echten, nachvollziehbaren Mehrwert für die Menschen schafft. „Etwas, bei dem Sie selbst ‚WOW!‘ sagen würden“, schreiben B. und E. Conta Gromberg in ihrem Solopreneur-Ratgeber „Smart Business Concepts“: „Lösen Sie ein Problem, für das Sie bisher noch keine überzeugende Lösung gesehen haben.“

Dieser „WOW!-Sprung“ kann ein Sprung nach oben oder nach unten sein: Du kannst dein Angebot besser, schöner, angenehmer, gesünder, sinnvoller gestalten als die derzeit am Markt erhältlichen. Oder du kannst es günstiger, einfacher, schlanker machen. Dabei musst du die Welt nicht neu erfinden. Es genügt, dir ein Modell als Vorlage zu nehmen und es dann zu modifizieren.

Was ist so schlecht daran, „sein Ding“ zu machen? Wird uns nicht überall geraten, das zum Beruf zu machen, was wir lieben, wofür wir brennen, was uns Freude macht? Wer sich diesen Glauben bewahren will, sollte „Hört auf zu arbeiten“ auf keinen Fall lesen. In dem Buch von Anja Förster und Peter Kreuz steht nämlich folgender desillusionierender Satz:

Wenn es wirklich so einfach wäre, „sein Ding“ zu machen, dann wäre die Welt nicht voll von Leuten, die sich trotz ihrer guten Ausbildung irgendwie am Existenzminimum durchs Leben schlagen.

 

Was ist das Heldenhafte an der bedeutsamen Tätigkeit?

Das, was Conta Gromberg „WOW!-Angebot“ nennen, nennen Förster/Kreuz „bedeutsame Tätigkeit.“ Das ist eine schöpferische und selbstbestimmte Tätigkeit, die nicht nur Bedeutung für ihren Urheber hat, sondern auch anderen dabei hilft, ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Und wo ist jetzt das Opfer, fragst du? Ganz einfach: Wenn du solch eine bedeutsame Tätigkeit ausüben willst, musst du raus aus einem System, das bei jeder Arbeit immer nur danach fragt, was sie kostet, wie lange du dafür brauchst oder wie es die anderen machen. Wenn du eine Sache nur um der Sache willen tun willst, musst du eine ganz andere Frage stellen: Was ist es unbedingt wert, getan zu werden?

Die Antwort haben wir oben schon gegeben: Das, was nicht nur dich selbst begeistert, sondern auch andere inspiriert. Eine bedeutsame Tätigkeit ist eine, die Resonanz erzeugt, eben weil sie ein bedeutendes Problem löst, ein drängendes Bedürfnis befriedigt, einen deutlichen Fortschritt ermöglicht.

Die Frage, wieviel Geld, Zeit und Energie du dafür investieren musst, ist also sekundär. (Die wenig überraschende Antwort lautet: soviel, wie dazu eben nötig ist). Das heißt, du musst Risiken eingehen. Du musst Verzicht üben. Du musst mit dem Unverständnis deiner Umgebung rechnen. Du musst dich deinen Versagensängsten stellen. Genau wie jeder fiktive Held in jedem fiktiven Roman. Das ist das Opfer, das du auf dem Weg zum Storypreneur erbringen musst.

Wiedergeburt im Film ‚Titanic‘

Den Untergang der Titanic haben sie zunächst überlebt, doch jetzt treiben Rose und Jack im eiskalten Atlantikwasser. Wenn sie sich nicht sehr bald in ein Boot retten können, sind sie tot. Jack erkennt, dass das Wrackteil sie nicht beide tragen kann. Jetzt kommt die Tat, die ihn endgültig zum Helden werden lässt: Er opfert sein Leben für das seiner Geliebten und trägt ihr in einer Art Vermächtnis auf, unbedingt am Leben zu bleiben. Dahinter steckt ein Figurensetting, das ein früh erfülltes Leben (Jack) gegen ein noch nicht gelebtes Leben stellt (Rose). Der Vagabund Jack hat schon so viel von sich und der Welt erfahren, dass er im Grunde ein „alter Weiser“ ist und gegenüber Rose schon fast eine Mentorenrolle einnimmt. Da er nun das einzige gefunden hat, was ihm auf seiner Heldenreise noch gefehlt hat - die große Liebe -, ist sein Leben in gewisser Hinsicht erfüllt. In dramaturgischer Hinsicht darf er also sterben. Rose hingegen ist ein behütetes Oberklassen-Mädchen, das nichts von der Welt weiß und gerade etwas über die Liebe gelernt hat. Sie fängt gerade an, Geschmack am Leben und an der Freiheit zu finden. In dramaturgischer Hinsicht muss sie also überleben. Jack nimmt ihr also das Versprechen ab, nicht zu sterben. Dann erfriert er langsam und sinkt in die Tiefe des Meeres. Der Tod ist die finale ``Verwandlung``, die der Held dieser Geschichte erfährt. Rose schwimmt mit allerletzter Kraft zu der vorbeitreibenden Leiche eines Offiziers, nimmt ihm die Signalpfeife ab und ruft das rettende Boot herbei. Sie hat dem Tod ins Gesicht geschaut und ihn besiegt. Das ist das ``Auferstehungs``-Ereignis in dieser Geschichte..